Aids Hilfe kämpft ums finanzielle Überleben

Die HIV-Infektionen sind nach wie vor konstant hoch. Das Bewusstsein für Aids aber hat ebenso abgenommen wie das zur Verfügung stehende Geld.

Von Liane Pircher

Innsbruck –„Mit Aids kann man eh gut leben.“ „An Aids stirbt heute keiner mehr.“ Es sind Sätze wie diese, die ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen sind. Anders als in den Achtzigern, wo schockierende Bilder von todkranken Aids-Patienten in der Öffentlichkeit präsent waren, hat HIV heute an Schrecken verloren. Dafür herrscht eine gewisse „Kondommüdigkeit“: „Das Bewusstsein für Aids hat insgesamt in der Bevölkerung abgenommen, die Zahl der Neuinfektionen ist aber nach wie vor hoch“, erklärt Lydia Domaradzki, Leiterin der Aids Hilfe Tirol.

Die Zahl der diagnostizierten Infektionen ist mit 523 Personen in ganz Österreich im Jahre 2012 auf einem „konstant hohen Niveau“. Seit dem Jahre 2007 sei man, so Domaradzki, wieder auf über 500 Betroffene im Jahr angelangt. In Tirol wurden 23 Menschen allein 2012 positiv auf HIV getestet. Nicht zuletzt deshalb ist Präventionsarbeit wichtig. Dafür gibt es aber weniger Geld als früher.

Weil das Gesundheitsministerium die Subventionsgelder seit Jahren nicht mehr erhöht, kämpft die Aids Hilfe Tirol ums Überleben: „Unsere finanzielle Situation ist prekär, deshalb haben wir mittlerweile freitags geschlossen“, so die Leiterin. Wären im Vorjahr Stadt und Land nicht mit Sondersubventionen in der Höhe von 15.000 bzw. 6000 Euro zusätzlich eingesprungen, wäre es eng geworden: „Das hat uns aus der Patsche geholfen, trotzdem müssen wir uns personell zum Beispiel kostenmäßig über die Runden retten, indem einer in Bildungskarenz geht. Insgesamt haben wir durch Kürzungen bereits 25 Stunden an Arbeitszeit verloren“, erklärt die Leiterin. Aktuell würden 4,2 Personen (inkl. Teilzeit) für die Aids Hilfe Tirol arbeiten.

Aus dem Büro des Gesundheitsministeriums heißt es auf Nachfrage der TT dazu, dass man die Gelder zumindest nicht gekürzt habe. Was angesichts der budgetären Lage als Zugeständnis zu verstehen sei. Mangelnde finanzielle Mittel seien auch der Grund, warum es in jüngster Zeit keine großangelegte Kampagne gegeben hat. Dafür habe das Ministerium vor zwei Jahren in die Weltaids-Konferenz in Wien investiert.

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Dabei gibt es nach wie vor viele Vorurteile zu bekämpfen. So stimmt etwa das Klischee, nur schwule Männer und Drogensüchtige bekommen Aids, nicht. Seit Jahren holen Heterosexuelle auf und machen bereits 35 Prozent aller Infektionen aus. 12 Prozent der HIV-Positiven kommen aus dem Suchtgiftmilieu, etwa 46 Prozent sind homo- bzw. bisexuelle Männer. Es stimmt zwar, dass keiner mehr an Aids erkranken muss, dennoch: „Die Infektion ist behandelbar, aber nicht heilbar. Man kann sie nur mit Medikamenten ein Leben lang unterdrücken“, erklärt Mario Sarcletti. Der Oberarzt betreut an der Klinik Innsbruck HIV-Infizierte. Allein hier waren 570 HIV-Klienten die letzten sechs Monate auf der „Haut V“ bei einer Kontrolle. Wer frühzeitig auf HIV positiv getestet wird, könne mit Medikamenten ein relativ normales Leben führen. Das eigentliche Problem, so Sarcletti, sei aber, dass viele erst in einem fortgeschrittenen Stadium einen Test machen. Je später eine Infektion erkannt wird, desto schwieriger und aufwändiger wird eine Behandlung. Außerdem steigt damit das Risiko, tatsächlich an Aids zu erkranken. Dazu kommt, dass viele jahrelang HIV-positiv sind und es nicht wissen. Und: Wer „positiv“ ist, bekommt das auch heute noch gesellschaftlich zu spüren: „Es ist erschreckend, wie wenig die Allgemeinheit noch immer über HIV und Aids weiß“, so der Arzt. Auch seitens der Aids Hilfe Tirol weiß man von Fällen, die eine Ansteckung aus Angst vor Konsequenzen verheimlichen, oder von Leuten, die gekündigt wurden – vordergründig aus einem anderen Motiv. So gesehen wiegt das „soziale Aids“ mindestens so schwer wie die Symptome der Krankheit.


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