Herbergssuche mit Handicap

Schon sechs Monate lebt ein Paar mit Handicap in einem engen Pensionszimmer in Kolsass. Bei der Wohnungssuche blitzt es überall ab, die Gemeinde hat auch keine Bleibe.

Von Elke Ruß

Kolsass –Die Stiegen in den dritten Stock der Kolsasser Pension sind für Anita E. eine Herausforderung: Sie leidet an einer zerebralen Bewegungsstörung, kann sich nur mühsam fortbewegen und ist für Ungeübte auch schwer verständlich. Die Treppen muss sie bereits seit November bewältigen: Damals zogen sie und ihr Lebensgefährte Rudolf R. in das Pensionszimmer, weil die Wohnungssuche im Raum Wattens bis dorthin gescheitert war. E. ist in der Nähe aufgewachsen, deshalb wollte das Paar in die Gegend zurück, als es eine relativ teure Wohnung in Fieberbrunn aufgeben musste.

Die Notlösung in Kolsass – nur 15 Quadratmeter hat das Gästezimmer inklusive Bad – dauert schon sechs Monate. Die beengten Verhältnisse seien auf Dauer nicht tragbar für die zwei, „das merkt man auch psychisch“, bestätigt Vermieterin Monika P.: „Sie haben am Zimmer auch keine Kochmöglichkeit und können keine Wäsche waschen.“ Einzig im Keller gebe es für Gäste eine Art Notküche mit Mikrowelle. Häusliche Behaglichkeit sei auch sonst nicht drin: „Zu Weihnachten zum Beispiel Kerzen anzuzünden, das geht in einem Pensionszimmer einfach nicht!“

Die Umstände seien sehr belastend, bestätigt auch der praktische Arzt Hannes Unterberger aus Volders, der E. medizinisch betreut. Auch er habe sich schon umgehört, aber vergeblich, bedauert er.

Dass die Wohnungssuche keinen Erfolg bringt, führt R. teils „auf die Einstellung der Leute“ zurück. „Die sehen jemanden mit einer Behinderung und denken ,lieber nicht‘. Das ist sehr voreingenommen.“

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Ein weiteres Problem seien Kautionsforderungen in Höhe mehrerer Monatsmieten. „Die Leute glauben dann, dass wir die Miete auch nicht bezahlen können“, erklärt R. Wie Pensionswirtin Monika P. versichert, sei dies nicht der Fall. „Sie zahlen pünktlich, ich kann nichts Negatives sagen.“ Sowohl E. als auch R. beziehen eine Rente. Das gemeinsame Einkommen überschreitet sogar die Höchstgrenzen für manche öffentlichen Unterstützungssysteme. Die Vermieterin weist aber daraufhin, dass es schwer sei, im Gästehaus Geld zu sparen, weil eine reguläre Haushaltsführung unmöglich sei. Wie R. hinzufügt, brauche seine pflegebedürftige Lebensgefährtin auch Schmerzpflaster und andere Mittel, die von der Kassa nicht bezahlt würden. „Wir könnten Kautionsgeld aber in kleinen Raten zurückzahlen.“

Sogar beim Landeshauptmann sprach R. schon vor. Wie dessen Mitarbeiter Florian Gottein betont, gab es auch Vermittlungsversuche über den Bezirkshauptmann und die Bürgermeister der Region. Zuletzt kam eine Besichtigung bei einem privaten Vermieter in Kolsassberg zustande. Schon Stunden später kam aber die Absage, berichtet das Paar. In Kolsass habe die Gemeinde „nur vier Wohnungen, die sind alle belegt“, erklärt Bürgermeister Hansjörg Gartlacher.

Eine Hürde bei vielen Gemeindewohnungen erklärt R. am Beispiel Schwaz: „Da hat es geheißen, wir müssten fünf Jahre dort gemeldet sein, um auf die Warteliste zu kommen“, doch ohne Bleibe kein Meldezettel.

Gottein zufolge kann das Land für Notfälle auf zwei bis drei Wohnungen pro Jahr bei der Tigewosi zurückgreifen. In Innsbruck hätte es sogar eine Möglichkeit gegeben, schildert er, doch zum Umzug in eine kleine Wohnung in der Stadt konnte sich das Paar nicht rechtzeitig durchringen. Vor allem bei E. klingt da eine wohl unerfüllbare Hoffnung durch: dass die Wohnung, wenn sie nur groß genug wäre, die Kinder zurückbrächte.

Das Paar hat eine große Tochter und zwei Buben im Pflichtschulalter, die im Auftrag der Jugendwohlfahrt im SOS-Kinderdorf Imst aufwachsen. Es gibt aber Besuchskontakte der Eltern – eine Bleibe nicht allzu weit weg könnte also sinnvoll sein.

LH-Mitarbeiter Gottein bekundet gegenüber der TT die Bereitschaft für einen neuerlichen Vermittlungsversuch. Privatvermieter, die dem Paar helfen können, erreichen es unter Tel. 0680/3347669. Eine Kaution stellen könne das Land nicht, sagt Gottein. Über das „Netzwerk Tirol hilft“ wäre bei Bedarf aber eine kleine Starthilfe z. B. in Form eines Kühlschranks denkbar.


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