„Massaker“ mit 51 Toten: Ägypten steuert auf einen Bürgerkrieg zu

In Kairo eskaliert der Konflikt zwischen Islamisten und ihren Gegnern. Beim Protest vor einer Militäreinrichtung werden Dutzende Anhänger der Muslimbruderschaft und mehrere Soldaten getötet. Die Zentrale der islamistischen Partei wurde geschlossen.

Kairo - Neue Eskalation zwischen der Muslimbruderschaft und ihren Gegnern in Ägypten: Bei gewaltsamen Zusammenstößen vor einem Militärgelände sind am Montag nach Angaben aus Sicherheits- und Medizinerkreisen mindestens 51 Menschen getötet und 435 weitere verletzt worden. Die radikal-islamischen Salafisten kündigten an, sich mit sofortiger Wirkung aus den Verhandlungen über die politische Zukunft des Landes zurückzuziehen.

Nach dem blutigen Zwischenfall mit vielen Toten in Kairo schieben sich die Konfliktparteien gegenseitig die Schuld zu. Der Anführer der Muslimbrüder, Mohammed Badi, erhob schwere Vorwürfe gegen die Streitkräfte. Diese würden in dem Land Verhältnisse wie in Syrien herbeiführen wollen. Dort tobt seit mehr als zwei Jahren ein blutiger Bürgerkrieg. Die tödlichen Schüsse auf Zivilisten am Morgen verurteilten die Muslimbrüder als „fürchterliches Verbrechen“. Sie behaupten, dass ihre Unterstützer bei einer Protestveranstaltung während des Morgengebets „massakriert“ worden seien. Der Sprecher der Organisation, Gehad al-Haddad, schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter, Polizei und Armee hätten versucht, einen Sitzstreik der Mursi-Anhänger mit Gewalt aufzulösen. In einer Mitteilung betonten die Muslimbrüder, das ägyptische Volk wolle nicht wieder unter einer Militärdiktatur leben und werde den Kampf dagegen fortsetzen.

„Die Partei Freiheit und Gerechtigkeit ruft das große ägyptische Volk auf, sich gegen die zu erheben, die die Revolution mit Panzern und gepanzerten Fahrzeugen stehlen wollen und dabei auch über Leichen gehen,“ hieß es auf der Facebook-Seite der Muslimbruderschaft

Interimspräsident ordnet Untersuchung an

Nach Militärangaben kam es zu den Zusammenstößen, als Angreifer versuchten, den Offiziersclub der Republikanischen Garde zu stürmen. Zuvor hatte es in Kairo Gerüchte gegeben, dass sich der vom Militär gestürzte Präsident Mohammed Mursi dort aufhalten könnte.

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Das Militär nahm nach eigenen Angaben etwa 200 Bewaffnete fest. Sie hätten unter anderem Schusswaffen und Brandsätze bei sich gehabt, hieß es in der Stellungnahme der Armee. Der ägyptische Übergangspräsident Adli Mansur hat eine Untersuchung der tödlichen Zusammenstöße angeordnet.

Zentrale der Islamistenpartei geschlossen

Die ägyptische Justiz ordnete zugleich am Montag die Schließung der Zentrale der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit an. In dem Gebäude in der Hauptstadt Kairo seien Messer, brennbare Flüssigkeit und andere Waffen gefunden worden, die gegen Demonstranten eingesetzt werden sollten, erklärte ein Vertreter der Sicherheitskräfte am Montag. Die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit ist der politische Arm der islamistischen Muslimbruderschaft.

Die radikal-islamischen Salafisten zogen sich als Reaktion auf die blutigen Zusammenstöße am Montag aus den politischen Gesprächen zur Regierungsbildung zurück. Der Sprecher der Nour-Partei (Partei des Lichts), Nader al-Bakkar, erklärte über Twitter: „Wir haben als Reaktion auf das Massaker vor dem Club der Republikanischen Garde beschlossen, uns mit sofortiger Wirkung aus allen Verhandlungen zurückzuziehen.“ Die Salafisten hätten sich zur Teilnahme an den Beratungen bereit erklärt, um Blutvergießen zu verhindern. „Nun fließt das Blut in Strömen“, fügte er hinzu.

Die ultra-konservative Nour-Partei hatte sich ursprünglich an der Suche nach einer neuen Führung in Ägypten beteiligt. Die Gespräche verliefen bisher jedoch erfolglos, weil sich die Salafisten laut Medienberichten gegen Favoriten wie den Friedensnobelpreisträger Mohammed El-Baradei und den Sozialdemokraten Siad Bahaa El-Din gestellt hatten und eine politisch neutrale Persönlichkeit verlangten.

El-Baradei: „Friedlicher Übergang der einzige Weg“

El-Baradei forderte eine unabhängige Untersuchung der tödlichen Zusammenstöße. „Gewalt erzeugt Gegengewalt und sollte scharf verurteilt werden“, warnte er über den Kurznachrichtendienst Twitter. Ein friedlicher Übergang sei der einzige Weg für Ägypten.

Am Sonntagabend hatten in Kairo erneut Zehntausende Anhänger wie auch Gegner des gestürzten Präsidenten Mursi demonstriert. Gegner der durch das Militär beendeten Herrschaft der Islamisten strömten in großer Zahl auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos zusammen. Die Militärführung hatte den Präsidenten nach tagelangen Massenprotesten am vergangenen Mittwoch nach nur einem Jahr im Amt abgesetzt. Kritiker werfen Mursi vor, Ägypten zu islamisieren und machen ihn für die Wirtschaftsprobleme verantwortlich. Zum Übergangspräsidenten wurde der Chef des Verfassungsgerichtes, Adli Mansour, ernannt. (APA/Reuters/dpa/tt.com)


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