Die Fälschung der Gefühle im Kunstkabinett

Giuseppe Tornatore inszenierte in Wien seinen Kunstthriller „Das höchste Gebot“ über den Verlust der Wirklichkeit.

Von Peter Angerer

Innsbruck –In seinem Welterfolg „Cinema Paradiso“ erzählte Giuseppe Tornatore von Salvatore, der als neugieriges Kind von einem alten Filmvorführer in die Kunst des Lebens und des Kinos eingeführt wird. Nach dessen Tod erbt der als Regisseur in Rom lebende Salvatore eine Filmrolle, die nur aus montierten Filmschnipseln besteht, die der strenge Dorfpfarrer zum sittlichen Schutz seiner Schäfchen aus den Filmklassikern entfernen ließ. Es sind die berühmtesten Kussszenen der Filmgeschichte, gegen deren Wirkung sich kein Zuschauer wehren konnte. Die nostalgische Feierstunde des Kinos wurde 1989 in Cannes mit dem Großen Preis der Jury und 1990 mit einem Oscar belohnt.

Diese Geschichte erzählt Giuseppe Tornatore in seinem neuen, in Wien gedrehten Film „Das höchste Gebot“ noch einmal. Statt der rührenden Filmrolle über den verbotenen Kuss gibt es ein Kunstkabinett mit den schönsten Frauenbildnissen der Kunstgeschichte.

Der Name des Helden ist Programm, denn der Antiquitätenhändler und Auktionator Virgil Oldman (Geoffrey Rush) hat noch nie eine Frau berührt. Der alte, unter Aphephosmophobie leidende Mann schützt sich mit einer exquisiten Handschuhsammlung vor jeder Art von Berührung und Nähe. Seine Krankheit und die Leidenschaft für die Kunst verdankt er gleichermaßen seiner Erziehung in einem Waisenhaus, wo ihn die Klosterschwestern zur Mitarbeit bei den Restaurierungen der klösterlichen Kunstsammlung zwangen. Diese Bestrafungen für Ungehorsam haben Virgil zu einem weltberühmten Kunstexperten gemacht, an dem das Leben allerdings wie ein dunkler Schatten vorbeihuscht. Ekstase erlebt der Misanthrop nur in seinem Kunstkabinett, für das er Billy Whistler (Donald Sutherland) sozusagen als Zuhälter der Kunst beschäftigt. Bei Auktionen erwirbt Whistler kostbare Frauenporträts, die Oldman zuvor mit fragwürdigen Expertisen im Katalog beschmutzt hat. Oldman ahnt natürlich, wenn er erschauernd die vollkommene Schönheit seiner mit krimineller Energie erworbenen Sammlung betrachtet, dass sie nur ein trügerischer Ersatz für ein geglücktes Leben unter Menschen ist.

Der Experte für Kunst, dem Wissenschaft, moderne Technik und Erfahrung beim Erkennen von Fälschungen zur Verfügung stehen, wird bei verwirrenden Fragen aus der Welt der Gefühle zum hilflosen Stammler und damit zu einem willkommenen Opfer.

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Als sich Claire Ibbetson (Sylvia Hoeks) bei ihm meldet, um die Kunstsammlung ihrer verstorbenen Eltern für eine Auktion schätzen zu lassen, erkennt Oldman in seiner neuen Klientin eine Seelen- und Leidensverwandte. Er verzichtet auf alle für solche Abmachungen geltenden Regeln, denn Claire wird wegen einer extremen Form der Agoraphobie gezwungen, sich verborgen zu halten. Der ohnehin verletzbare Sammler schöner Dinge verliert sich in einer Wunderkammer des süßen Schreckens, der als kunstvolles Puzzle ausgebreitet wird. Wenn die Lösung des Rätsels zur Obsession wird, endet das Spiel allerdings oft im Wahnsinn. Diese Geschichte über den Verlust der Realität wurde im Kino schon häufig erzählt und Giuseppe Tornatore zitiert besonders ausführlich Alfred Hitchcocks „Vertigo“, dessen Held ein Opfer seiner Höhenangst und einer Doppelgängerin wird. Diesem seidenen Faden fügt Tornatore die leise Ironie hinzu.


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