Snowden: „Ich habe gewartet, doch niemand stoppte die Auswüchse“

Vom loyalen Regierungsmitarbeiter zum weltberühmten Whistleblower: Im zweiten Teil des Interviews mit dem britischen „Guardian“ spricht Edward Snowden über seine Motivation für die Enthüllungen - tief enttäuscht von der US-Regierung und dem Geheimdienst.

Edward Snowden hält sich momentan in Russland auf, sein Asyl läuft jedoch aus.
© Reuters

Washington, London - „Ich will nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich sage, alles was ich mache, der Name jedes Gesprächspartners, jeder Ausdruck von Kreativität, Liebe oder Freundschaft aufgezeichnet wird. Das will ich nicht unterstützen, daran will ich nicht mitwirken und unter diesen Bedingungen will ich nicht leben. Jeder, der mit einer solchen Welt nicht einverstanden ist, hat die Pflicht, etwas zu tun.“

Amerikas neuer Staastfeind Nummer eins, der flüchtige Ex-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden, sprach in einem Interview mit „Guardian“-Journalist Glenn Greenwald auch über seine Motive für seinen Schritt und rechtfertigt seine Enthüllungen. Die britische Zeitung hat den sieben Minuten und sieben Sekunden langen Clip gestern auf Ihrer Homepage veröffentlicht. Aufgezeichnet wurde das Video bereits am 6. Juni in dem mittlerweile „bekannten“ Hotelzimmer in Hongkong. Das erste „Guardian“-Video hatte Anfang Juni die weltweite Lawine erst losgetreten.

„Ich glaubte an unsere noblen Absichten“

Snowden spricht nun über seine Wandlung vom loyalen Regierungsmitarbeiter zum Whistleblower: Er sei sehr jung gewesen, als er zum Geheimdienst ging und anfangs überzeugt, das Richtige zu tun. „Ich glaubte an unsere noblen Absichten, unterdrückte Völker zu befreien.“ Dann habe er “wahre Informationen“ erhalten. „Zunächst habe ich gewartet, beobachtet und versucht, meinen Job zu tun“. Dann habe er gemerkt, dass niemand etwas unternehme, um die Auswüchse der umfassenden Regierungskontrolle zu stoppen. Die NSA habe die Öffentlichkeit bewusst irregeführt – nicht nur die amerikanische. Er habe darauf gewartet, dass die Politik gegen diesen „Exzess“ vorgehe, so Snowden weiter. „Aber ich habe nicht gesehen, dass etwas passiert. Stattdessen wurde es schlimmer. Und niemand ist aufgestanden, um es zu stoppen.“

Ruhig und überlegt bringt der 30-Jährige seine tiefe Enttäuschung über die US-Regierung un den Geheimdienst zum Ausdruck: „Amerika ist grundsätzlich ein gutes Land. Wir haben gute Menschen mit guten Werten, die das Richtige tun wollen.“ Doch würden die gegenwärtigen Machtstrukturen auf Kosten der Freiheit des Volkes immer weiter expandieren. Entschieden weist Snowden die Versicherungen von NSA und US-Regierung zurück, die Spähaktionen würden vornehmlich allein Ausländer treffen: „Die NSA beschränkt sich nicht nur aufs Ausland.“ Sie sammele jegliche Kommunikation in den USA.

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„Sie werden sagen, dass ich unsere Feinde unterstützt habe“

Dass der Weg, den er einschlagen habe, nicht einfach sei, das wusste er schon in Hongkong. „Ich denke, sie werden sagen, dass ich gravierende Straftaten begangen habe, dass ich das Spionagegesetz verletzt habe. Sie werden behaupten, dass ich unsere Feinde unterstützt habe“, sagt Snowden.

Diese Vermutung ist inzwischen eingetroffen. Die USA werfen dem IT-Spezialisten Landesverrat vor und fordern seine Auslieferung. Er wird per Haftbefehl gesucht und die USA setzen weiter alles daran, ihn zu ergreifen. Snowden hält sich vermutlich noch immer im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo auf. Mittlerweile hat er einen Asylantrag in Venezuela gestellt. Wie er dort hinkommen will, ist unklar. Snwoden besitzt kein russisches Visum, zudem haben die USA seinen Reisepass annulliert. (TT.com, Guardian, dpa)


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