„So viel Personal können wir gar nicht haben“

Missbrauch und Gewalt werden im Strafvollzug nie verhindert werden können, sagt Peter Prechtl, der Leiter der Vollzugsdirektion.

Von Wolfgang Sablatnig

Wien –„Auch wenn es jetzt vier Fälle sind, stehen wir dazu, dass es Einzelfälle sind“, sagt Peter Prechtl, der Leiter der Vollzugsdirektion im Justizministerium. Gestern wurde bekannt, dass heuer bereits vier Jugendliche in Haftanstalten in Wien, Linz, Graz und Gerasdorf (NÖ) von Mithäftlingen vergewaltigt worden sein sollen. Alle vier Fälle sind gerichtsanhängig, bisher ohne Urteil.

„Jeder Fall ist einer zu viel“, sagte Prechtl gestern zur Tiroler Tageszeitung. Gleichzeitig räumte er aber ein, dass Missbrauch nie gänzlich verhindert werden könne. „So viel Personal, um solche Vorfälle zu verhindern, können wir gar nicht haben“, sagte er – auch wenn mehr Justizwachebeamte und Fachpersonal wie Psychiater natürlich immer wünschenswert wären.

Vor zwei Wochen war der Fall aus der Justizanstalt Wien-Josefstadt bekannt geworden: Ein Jugendlicher hatte einen Mithäftling mit einem Besen vergewaltigt. Bereits im Jänner hatte es in der Jugendstrafanstalt Gerasdorf südlich von Wien einen ähnlichen Vorfall gegeben. Anders als im Wiener Fall hat das mutmaßliche Opfer eine medizinische Untersuchung verweigert, bestätigte Prechtl. Vor Gericht steht daher Aussage gegen Aussage.

Die mutmaßlichen Übergriffe in Linz und Graz schließlich seien „nicht ganz so brutal“ gewesen, so Prechtl. Auch in diesen Fällen sei es aber zu erzwungenen sexuellen Handlungen gekommen.

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Aktuell sind laut dem Spitzenbeamten rund 130 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren in Haft. Dazu kämen 430 „junge Erwachsene“ bis 21 Jahre. Diese Häftlinge einfach stärker zu überwachen, würde das Problem nicht lösen, ist er überzeugt. Jugendliche hätten einen gesetzlich verbrieften Anspruch auf „gelockerten Vollzug“: „Wir sind verpflichtet, ihnen Freiräume zu geben. Wir dürfen sie gar nicht jeden Moment überwachen.“

Prechtl wirbt aber auch um Verständnis für die Probleme des Jugend-Strafvollzugs: „Man muss die Kirche im Dorf lassen. Wir haben es hier mit schwer verhaltensauffälligen Jugendlichen zu tun. Warum sollten sie in Haft plötzlich anders werden?“

Und der Beamte nimmt die ganze Gesellschaft in die Pflicht: Die Haftzahlen in Österreich – auch bei Jugendlichen – seien deutlich höher als in anderen Staaten. Dort werde mehr auf Bewährungshilfe und bedingte Entlassungen gesetzt als hierzulande.


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