Chinas Export-Schwäche sendet Schockwellen um den Globus

Im Juni blieben die Exporte Chinas völlig überraschend 7,1 Prozent hinter den Erwartungen zurück. Der Ausblick für die Zukunft ist düster. Die chinesische Führung muss handeln – doch ist sie entschlossen genug?

Von Patricio Hetfleisch

Peking – Eine neue Hiobsbotschaft aus China trifft die ohnehin fragile Weltwirtschaft ins Mark: Nach den jüngsten Turbulenzen an den Geldmärkten bricht der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nun der enorm wichtige Export weg.

Experten werten den ersten Rückgang der Ausfuhren seit anderthalb Jahren als schlechtes Zeichen für das dritte Quartal. Die globalen Finanzmärkte reagierten nervös. Börsianer hoffen nun, dass die Notenbank des Landes eingreift. Weil die Inflation zuletzt aber deutlich gestiegen ist, hat diese nur begrenzten Spielraum. Die chinesische Führung ist gefordert. Doch gerade die jüngsten Ereignisse haben gezeigt, dass die Regierung zwar willkommenen Mut zeigt, aber teilweise unbeholfen agiert.

„Für das dritte Quartal sieht es düster aus“

Zurück zur Exportwirtschaft: Diese „steht vor großen Herausforderungen“, wie die Zollbehörde am Mittwoch zugab. Hauptprobleme sind einerseits die schwache Nachfrage aus dem Ausland, vor allem aus der rezessionsgeplagten Euro-Zone, aber auch steigende Löhne in China und ein stärkerer Yuan.

„Für die Exporte sieht es im dritten Quartal düster aus“, sagte ein Sprecher der Zollbehörde. Und Ministerpräsident Li Keqiang – noch relativ jung in seinem gewichtigen Amt – ergänzte, er sei sich der Risiken für die Wirtschaft bewusst. Die Regierung müsse Reformen und strukturelle Veränderungen angehen, ohne dass dabei das Wachstum und die Beschäftigungsquote bestimmte Werte unterschritten oder die Konsumenten-Preise bestimmte Niveaus überstiegen, zitierte ihn die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Details dazu wurden jedoch nicht genannt.

Kampf gegen gefälschte Rechnungen in der Bilanz

Im Juni ging das Exportvolumen zum ersten Mal seit Januar vergangenen Jahres zurück. Das Minus betrug 3,1 Prozent, während Analysten mit einem Zuwachs von vier Prozent gerechnet hatten. Die Einfuhren sanken im Vergleich zu Juni 2012 um 0,7 Prozent. Experten waren von einem Anstieg von acht Prozent ausgegangen. Die Handelsdaten sind allerdings sehr volatil – nicht nur aufgrund der allgemein unsicheren Lage. Denn es gab zuletzt immer wieder Zweifel, ob die veröffentlichten Zahlen auch die Realität widerspiegelten. Die Regierung in Peking geht inzwischen verstärkt gegen gefälschte Rechnungen vor, die das Exportvolumen in diesem Jahr künstlich aufgebläht hatten.

Volkswirte sagten, die chinesische Wirtschaft stehe zunehmend unter Druck. Die schwache Nachfrage aus dem Ausland mache den dortigen Firmen zu schaffen. In die USA, den wichtigsten Absatzmarkt, wurden 5,4 Prozent weniger exportiert. Die Euro-Zone nahm sogar 8,3 Prozent weniger ab. Alles in allem kam China im Juni auf einen Handelsbilanzüberschuss von 27,1 Milliarden Dollar, was etwa im Rahmen der Markterwartungen lag.

Führung nimmt weniger Wachstum in Kauf

Die Nachfragelücke aus dem Ausland ist aber längst nicht alleiniger Grund für die derzeitige Wachstumsschwäche Chinas. Am kommenden Montag werden die Daten zum Wachstum im zweiten Quartal 2013 erwartet. Und Ökonomen rechnen bereits mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 7,5 Prozent. Was zwar viel klingt, aber für chinesische Verhältnisse wenig ist. Es wäre der geringste Zuwachs seit 23 Jahren. Eine historische Marke, die auch innenpolitische Realitäten widerspiegelt.

Denn: Die neue Regierung von Präsident Xi Jinping und Ministerpräsident Li Keqiang treibt den Umbau der Wirtschaft voran und nimmt dabei bewusst auch ein geringeres Wachstum in Kauf.

Beide setzen auf Hightech-Branchen und wollen das riesige Land unabhängiger von Exporten machen. Den Wirtschaftszweigen, die von Überkapazitäten geplagt sind, wird der Geldhahn zugedreht. Eines der ersten Opfer davon ist etwa die größte Privatwerft des Landes, Rongsheng, die in den vergangenen Monaten 8000 Stellen abbauen musste. Im Finanzbereich soll der ausufernde Schattenbanken-Sektor eingedämmt werden. Auf dem Immobilienmarkt droht zudem eine Überhitzung.

Harte Entscheidungen

Die Führung ist – wie sie in den vergangenen Wochen gezeigt hat – auch bereit harte Entscheidungen zu treffen. Überraschend verweigerte die Nationalbank im ausgetrockneten Kreditmarkt zwischen den Banken des Landes für Liquidität zu sorgen. Die Peoples Bank of China setzte damit ein Zeichen gegen Bilanztricks, kreative Geschäftspraktiken auf Kosten der Zentralbank und generell gegen exzessive Kreditvergabe. Hier bereitet insbesondere das Wachstum der ausstehenden Kredite Sorgen, die schneller wachsen als die volkswirtschaftliche Leistung.

Die Folgen des harten Eingreifens: Kennzahlen für den Kreditmarkt zwischen den Banken – wie etwa die Shanghai Interbank Offered Rate (SHIBOR) – erreichten schwindelerregende Höhen. Beim SHIBOR waren plötzlich 13,4 Prozent (20. Juni) Zinsen für Übernacht-Kredite fällig. Weltweit entstanden Sorgen um eine drohende Kreditklemme in China. Und vor allem kleinere Banken ohne große Rücklagen gerieten tatsächlich in Bedrängnis. Ziel der Aktion waren aber nicht nur die Banken und ihre Geschäftspraktiken, sondern auch Unternehmen mit Überkapazitäten.

Unbeantwortete Fragen

Diesen mutigen Schritten steht ein konturenloser Kurs in manchen Kernfragen der wirtschaftlichen Entwicklung gegenüber. Ein Grund dafür: Die Inflation in China war im Juni wegen teurer Lebensmittel zum Vorjahr um 2,7 Prozent gestiegen. Auch wenn die Rate noch unter dem Wert von 3,5 Prozent liegt, den die Regierung in Peking als Ziel nennt, befürchtet die Notenbank des Landes langfristige Inflationsrisiken. Das schränkt ihre Handlungsmöglichkeiten ein. Doch neben solchen kurzfristigen Faktoren steht Chinas Regierung vor größeren Herausforderungen.

Das Wachstumsmodell des Landes benötigt Reformen. Zu viele Ressourcen fließen nach wie vor in die Staatsunternehmen. Zu viele dieser Ressourcen werden weiterhin von den Staatsbanken gelenkt. Und daher bleiben die Finanzmärkte samt drängenden Zinsfragen fest im Griff der Manager dieser Banken. Der Wettbewerb ist hier weiterhin unterentwickelt. Gleichzeitig können sich deshalb im produktiven Sektor kaum wettbewerbsfähige Marktteilnehmer entwickeln – was in den Chefetagen der Staatsunternehmen nicht nur wohlwollend zur Kenntnis genommen, sondern teilweise mit harten Bandagen verteidigt wird. Denn Parteikader aller Generationen profitieren weiterhin vom Nepotismus. Xi Jinping und Li Keqiang stehen vor einer Mammutaufgabe - und für die Welt, die auf kräftige Wachstumsimpulse hofft, wird die heutige Nachricht nicht die einzig schlechte Botschaft bleiben. (TT Online mit Beiträgen der Reuters-Reporter Langi Chiang und Kevin Yao)


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