Mexikaner überholen US-Bürger im globalen Fettleibigkeits-Ranking

US-Bürger sind längst nicht mehr (durchschnittlich) die dicksten, weder weltweit noch im Ranking der Völker entwickelter Länder. Hier haben die Mexikaner das Ruder übernommen. Grund dafür ist eine gefährliche Kombination aus steigenden Einkommen, zügellosem Konsum und paradoxerweise großer Armut.

Von Magdalena Ennemoser

Mexiko City – Die Amerikaner sind nicht mehr das dickste Volk unter den entwickelten Nationen dieser Erde. Sie wurden von ihren südlichen Nachbarn, den Mexikanern, vom unrühmlichen Spitzenplatz verdrängt: Laut dem soeben erschienen Jahresbericht 2013 der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen sind über 70 Prozent der mexikanischen Erwachsenen übergewichtig. Laut Definition heißt das, sie haben einen Body-Mass-Index (BMI) von über 25. Und: Ein Drittel der Bevölkerung (32,8 Prozent) hat einen BMI von über 30 – ab diesem Wert spricht die Medizin von Adipositas (Fettleibigkeit). In den USA liegen 31,8 Prozent über diesem Wert. Die nun zusammengefassten Daten stammen aus dem Jahr 2008.

Vitamin T: Tacos, Tamales, Tostadas

Die Ursachen für die hohe Fettleibigkeitsrate in Mexiko sieht der UN-Report in einer gefährlichen Kombination aus steigenden Einkommen und zügellosem Konsum: Mexikanisches Essen ist traditionell kalorienreich, fett und häufig frittiert und wird von der Bevölkerung im Scherz „Vitamin T“-Essen genannt: Tacos, Tamales, Tostadas.

Was einst nur zu festlichen Anlässen auf den Tisch kam, gehört heute häufig zum täglichen Speiseplan, berichtet die britische Daily Mail. Zudem nehmen die Menschen immer mehr industriell gefertigte Nahrung wie Chips und Softdrinks zu sich.

Auch durch die zunehmende Urbanisierung und damit einhergehend weniger körperlicher Arbeit nimmt die Fettleibigkeit rapide zu. US-amerikanische Fastfood-Ketten, die seit der Öffnung der lokalen Wirtschaft für den Weltmarkt zu Beginn der 1990er Jahre wie Pilze aus dem Boden schießen, tun ihr Übriges.

„Das Resultat ist, dass für viele Mexikaner, vor allem in urbaneren Gebieten und im Norden des Landes, eine Umstellung auf eine gesündere Ernährung zunehmend schwieriger wird“, sagte UN-Experte Olivier de Shutter bereits 2011 und ermahnte die Regierung in einem Bericht zu Reformen in der Nahrungsmittelproduktion und bei der Aufklärung zum Konsumverhalten – bisher erfolglos.

Ärmere sind besonders betroffen

Gut die Hälfte der mexikanischen Bevölkerung gilt als arm – und diese Hälfte ist paradoxerweise besonders stark von Übergewicht betroffen.

„Aus Mangel an Geld und Essen greifen die Menschen zu energiereichen Nahrungsmitteln, voller Zucker und Fett. Sie trinken Coca Cola, als wäre es Wasser, um die benötigte Energie zu sich zu nehmen“, erzählt Sally Neiman, die 20 Jahre lang in Mexiko gelebt hat, der Daily Mail. Dass ein Kind zum Frühstück Limonade trinke und Junk Food esse, sei völlig normal, sagt sie. Gesunde Nahrungsmittel sind zudem oft teuer, und das ungesunde Essen sättigt ja auch – und es schmeckt.

„Junk Food ist toll, wer mag es nicht?“ fragt Yasmin Gonzales, Friseurin in einer bürgerlichen Nachbarschaft in Mexiko City. „Aber früher war es Luxus, jetzt ist es das nicht mehr“, fügt sie hinzu.

Diabetes als Todesursache Nummer eins

Dass der bequeme Lebensstil und das zügellose Schlemmen dramatische Auswirkungen auf die Gesundheit haben, ist wenig überraschend: Kardiovaskuläre Krankheiten nehmen rasant zu, gewichtsbedingte Diabetes ist die häufigste Todesursache. Laut Fox News sterben jährlich 70.000 Mexikaner daran, jährlich werden 400.000 neue Fälle diagnostiziert.

Die Fettleibigkeit bei mexikanischen Kindern hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht, jeder dritte Teenager ist stark übergewichtig. Experten prognostizieren, vier von fünf dieser zu dicken Kinder werden es ihr ganzes Leben lang bleiben.

Programm gegen Armut als Falle?

Der seit Dezember vergangenen Jahres amtierende Präsident Enrique Peña Nieto hat kürzlich einen „nationalen Kreuzzug gegen den Hunger“ gestartet, der 7,4 Millionen Mexikanern vor allem im ärmeren Süden des Landes zugutekommen soll, die in extremer Armut leben und Anzeichen von Mangelernährung aufweisen. Auch hier liegt Experten zufolge der Hund begraben.

Sie kritisieren langfristige Anti-Armut-Programme wie jenes von Nieto, da sie vorwiegend Familien in ländlichen Gebieten Geld in Hand drücken würden, welches aus den oben genannten Gründen zu oft für frittierte Snacks oder Softdrinks statt für eine ausgewogene Ernährung ausgegeben würde. „Sie haben uns in die schlimmste Falle gelockt“, sagt Abelardo Avila, Arzt am mexikanischen Nationalen Ernährungsinstitut, gegenüber der Global Post über das Programm.

Österreich leicht unter Europa-Durchschnitt

Mexiko und die USA sind in Sachen Fettleibigkeit übrigens nichts gegenüber diverser kleiner Inselstaaten im Pazifik. Auf Nauru etwa sind bei etwas mehr als 10.000 Einwohnern mehr als 70 Prozent adipös. Ähnlich dramatisch sind diese Zahlen auf den Cook-Inseln (64,1 Prozent) oder auf Tonga (59,6 Prozent). Besonders schmal um die Hüften ist man dagegen in Japan, wo nur etwa 4,5 Prozent der Erwachsenen fettleibig sind. Insgesamt sind laut UN knapp 12 Prozent der Weltbevölkerung übergewichtig, Österreich liegt mit 18,3 Prozent etwas unter dem Europa-Durchschnitt (21,4%).


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