Fassaden erzählen Geschichten

Sie sind das Gesicht eines Hauses, die Visitenkarte quasi, die in gewisser Weise definiert, was dahinter- steckt: Die Hausfassaden stehen stellvertretend für die jeweiligen temporären Trends in der Architektur.

Von Ursula Philadelphy

Innsbruck –Theophil Hansen­ ist in Wien gerade nachhaltig in aller Munde. Der aus Dänemark stammende Architekt würde dieser Tage seinen 200. Geburtstag feiern und hat im 19. Jahrhundert das architektonische Bild der Wiener Innenstadt geprägt. Parlament, Musikverein, die Alte Börse, das Arsenal, die Palais Epstein, Ephrussi oder Todesco – um nur einige Bauten zu nennen – tragen den Stempel Hansens.

Er verquickte nordische Tendenzen mit dem architektonischen Formenvokabular der Antike, liebte aber auch Friedrich Schinkel, einen Klassizisten reinsten Wassers, und war prinzipiell einem Streifzug durch die Epochen nicht abgeneigt. Konstruktion und Dekor gingen bei ihm Hand in Hand. Der Sukkus, den er entwickelte, war nicht so historisierend, wie es heute vielleicht den Anschein hat – es ist vielmehr ein gekonnter Mix, oder besser Remix, gepaart mit Zukunftsvisionen. So hat er zum Beispiel hinter einer großzügigen Fassade durchaus eine in mehrere Stiegen unterteilte Architektur verpackt, um auch Trennungen zu ermöglichen. Eleganz dominiert sein Oeuvre, das unter anderem die so genannte Ringstraßenarchitektur Wiens, die Architektur der Gründerzeit, definiert und bis heute das Stadtbild prägt.

Innsbruck hat ebenfalls prägende Fassaden, wie etwa jene in Mariahilf oder in der Altstadt, und auch die Architektur am Südring wird im Ansatz über ihre Fassaden definiert. Die Fassaden werden zu Geschichtenerzählern und nur zu gerne bleibt man dabei an der Vergangenheit hängen. Dabei mischen sich überall zunehmend auch ganz moderne Objekte unter die bekannten Straßenzüge. David Chipperfields beige Kolosse – egal ob in Innsbruck oder Wien – sind monumental und extrem dominant, verweigern die Liaison mit dem Ambiente sowohl bezüglich der Konstruktion als auch was die Materialität betrifft. Nicht minder pompös ist hingegen die Fassade der BTV, aber Heinz Tesar hat es geschafft, seine Architektur als freundschaftlichen Gegenpol zum Vorhandenen zu artikulieren.

Auch Horst Parson ist überzeugt, dass es immer notwendig ist, bei der Planung an die Nachbarn zu denken, denn „viele Haus-Individuen mit eigenen Charakteristiken müssen insgesamt einen als Einheit erfahrbaren Raum ergeben“.

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Geschieht dies nicht, sind Diskussionen vorprogrammiert, und zwar egal ob im städtischen Ambiente oder im ländlichen Raum. Irritationen greifen Platz. Ein Beispiel ist das Pfarrzentrum in Mauthausen. Neben einem barocken Bau in Kaisergelb gestrichen steht das Pfarrheim – ein formal reduzierter Walmdachhaustyp, der zur Gänze, vom Sockel bis zum Giebel, mit silbernen, glänzenden Platten überzogen ist. Das System ist nicht neu, denn immer wieder werden alte Kubaturen bei einer Renovierung und/oder Erweiterung mit neuen Materialien überzogen, formal reduziert und so zum Gegenpol der Tradition.

Nicht selten sind es in unseren Breiten Holzkonstruktionen, die sich zumindest materialmäßig an traditionelle Entwürfe angleichen und daher eher akzeptiert werden. Die Palette reicht von kleinteiligen, feinen Konstruktionen bis zu sägerauen, ungesäumten Schwartenbrettern.

Auch Cortenstahl gilt inzwischen als akzeptiert, was vielleicht der Tatsache geschuldet ist, dass allerorten damit Fassaden verkleidet werden und bereits ein Gewöhnungseffekt eingetreten ist. Stahlbleche mit herausgelaserten feinen Mustern sind ebenfalls im Kommen.

Noch ungewohnt sind Fassadenmaterialien wie Kunst- rasen oder Membrane aus hochfesten, beschichteten Polyester- oder Glasgeweben. Technisch ist sehr viel machbar. Selbst die Porzellanmanufaktur Meissen bietet inzwischen Wandverkleidungen an.

Auch beim Projekt „Headline“ in Innsbruck hat das Architektenduo Henke und Schreieck auf ein spezielles Fassadenelement gesetzt: Als Eyecatcher und Kontrast zu den Glasflächen fungieren unterschiedlich profilierte, glänzend braune Keramikbänder. Und das gerade eröffnete VorarlbergMuseum in Bregenz, unmittelbar neben dem Glaskubus von Peter Zumthor, erregt ebenfalls durch seine ungewöhnliche Fassade Aufmerksamkeit. Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur haben für ihren strahlend weißen Betonbau PET-Flaschen als Ornament in Beton gegossen und damit die Außenhaut überzogen, was dem Ganzen eine besondere Haptik verleiht und das Haus zur Skulptur macht. Das 21. Jahrhundert lässt grüßen.


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