Jugendliche im Gefängnis: „Es gilt das Gesetz des Stärkeren“

Barbara Unterlerchner von der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ berichtet, wie Jugendliche im Gefängnis Gewalt erleben. Bundeskanzler Werner Faymann drängt auf Verbesserungen.

Von Wolfgang Sablatnig

Wien – Es ist vor allem die psychische Gewalt, die Jugendlichen im Gefängnis zu schaffen macht. Sie fühlen sich unter Druck, rechtlos, der Willkür von Mithäftlingen und Aufsehern ausgesetzt, berichtet Barbara Unterlerchner im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. Die Juristin der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ hat gemeinsam mit Kollegen vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Menschenrechte eine Studie über Jugendliche im Strafvollzug und deren Gewalterfahrungen durchgeführt. Ihr wichtigstes Resümee: Wo es möglich ist, sollten Untersuchungshaft und Strafhaft für Jugendliche durch Alternativen ersetzt werden.

Die Studie, die im Rahmen eines EU-Projekts erstellt wurde, ist seit Jänner fertig. Erstmals kamen die Betroffenen – die jungen Häftlinge – dabei selbst zu Wort. Das Leben im Gefängnis sei von einem „aggressiven Umgangston“ geprägt und einem sehr strikten Regelwerk unterworfen, berichtet Unterlerchner. Das Gefängnis sei auch ein „sehr stark hierarchisch strukturiertes Umfeld“ – zwischen Justizwachebeamten und Häftlingen, aber auch zwischen den Häftlingen untereinander: „Es gilt das Gesetz des Stärkeren.“

Die Jugendlichen würden auch darunter leiden, dass sie praktisch keine Möglichkeiten hätten, sich über Missstände zu beschweren, weder über ihre Mithäftlinge noch über die Aufseher. Es werde als „ehrenhafter“ empfunden, Gewalt hinzunehmen oder sich zu wehren, als Hilfe vom Anstaltspersonal in Anspruch zu nehmen, heißt es dazu in der Studie. Und wenn sie sich doch beschweren, müssten sie von beiden Gruppen mit Vergeltung rechnen, ergänzt Unterlerchner.

Gewalt – das bedeute für die jungen Häftlinge auch scheinbare Willkür, etwa wenn die Beamten aus Personalnot die Zellen eine Stunde früher zusperren, sie aber keine Möglichkeit hätten, sich dagegen zu wehren.

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Und natürlich gebe es unter den Insassen auch Schlägereien und Rangeleien, so die Juristin. „Die Betroffenen sehen das aber nicht so dramatisch. Sie sprechen eher über die psychische Gewalt.“

Unterlerchners wichtigster Vorschlag für Verbesserungen ist eine Einschränkung von Untersuchungshaft und Strafhaft bei Jugendlichen. Alternativen könnten wie in der Schweiz betreute Wohngruppen sein. Anbieten würde sich auch die elektronische Fußfessel. An zweiter Stelle folgt die Forderung nach mehr und besser für den Umgang mit Jugendlichen ausgebildetem Personal.

Tatsächlich könnte die Entwicklung hin zu einer Einschränkung zumindest der U-Haft gehen. Justizministerin Beatrix Karl (ÖVP) hat bereits nach den ersten Berichten über die Vergewaltigung eines 14-jährigen Untersuchungshäftlings eine „Task Force“ eingesetzt, um Verbesserungen zu erarbeiten.

Michael Schwanda, Leiter dieser Gruppe und im Justizministerium als Sektionschef für den Strafvollzug zuständig, will Neuerungen erarbeiten, die im Idealfall U-Haft vermeiden, jedenfalls aber verkürzen sollen. Außerdem sollten künftig schon bei der Festnahme und der Überstellung von Jugendlichen in eine Justizanstalt Vertreter der Jugendgerichtshilfe oder der Kinder- und Jugendanwaltschaft beigezogen werden, kündigte Schwanda im Gespräch mit der APA an.

Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) bezeichnete die Zustände im Jugendstrafvollzug gestern als „unhaltbar“. Er stehe hinter Justizministerin Karl, erwarte von ihr aber „klare Änderungen“.

In Gefängnissen in Wien, Graz, Linz und Gerasdorf sind heuer bereits vier Jugendliche mutmaßlich Opfer einer Vergewaltigung geworden. In einem Fall hat der Betroffene aber eine ärztliche Untersuchung verweigert. Und in einem anderen Fall hat ein 17-Jähriger selbst von einvernehmlichem Sex gesprochen.


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