Elektra sucht noch ihr Feuer

Patrice Chéreau inszeniert „Elektra“ von Strauss in Aix-en-Provence.

Von Stefan Musil

Aix-en-Provence –Großer Opernbahnhof beim sommerlichen Festival im französischen Aix-en-Provence. Längst hat sich diese Festspiel-Institution zum internationalen Operngenerator entwickelt. Das meiste, was hier an Inszenierungen herauskommt, wird in die Welt, an viele Koproduktionspartner weitergeschickt. So auch der jüngste Streich, „Elektra“ von Richard Strauss. Diesmal hat man immerhin den großen Patrice Chéreau als Regisseur für eine seiner seltenen Operninszenierungen gewinnen könne. Seine Sicht auf „Elektra“ wird jedenfalls nach Mailand, New York, Berlin, Barcelona und Helsinki weiterreisen.

Chéreau ließ sich dafür von Richard Peduzzi einen nüchternen, mäßig inspirierten Hinterhof zwischen Antike und Moderne bauen. Dort putzen die Mägde, nachdem sich der Vorhang gehoben hat, zunächst still vor sich hin. Bis ein Garagentor aufspringt, aus dem Elektra zu den machtvollen Orchesterklängen des Beginns herausschießt.

So weit der effektvolle Start eines Abends, der jedoch ohn­e Höhepunkte weiterverläuft. Natürlich beherrscht Chéreau sein Handwerk. Dennoch bleibt diese „Elektra“ hinter seinen letzten Arbeiten zurück. Chéreau sieht den Mord an Agamemnon weniger als das große Thema der Titelheldin, sondern zeigt es als ein Trauma aller. Ein wenig wirkt der Abend, in dem Chéreau die Hauptfiguren Elektra, Chrysothemis und Klytämnestra ganz unparteiisch behandeln möchte und lieber von ihrer menschlichen Seite beleuchtet, wie die Familienaufstellung einer nach dem Tod des Vaters durcheinander­geratenen Familie.

Elektra markiert mit Hose und ärmellosem Top die wild­e Rebellin. Evelyn Herlitziu­s bewältigt das mit großer Intensität, bewundernswert wortdeutlich, prägnant und nur gelegentlich in der Höhe übersteuernd. Dem weiß Adrianne Pieczonka als bemühte Schwester Chrysothemis weniger entgegenzusetzen. Selbst Waltraud Meier, die diesmal als Klytämnestra nicht hysterisch agieren muss, sondern eine verängstigte, traumgeplagte Mutter sein darf, bleibt überraschend blass. Mikhail Petrenko ist der brave und ebenso brav singende Bruder Orest, der dem Treiben dann ein Ende setzt: Er darf hier seine Mutter auf offener Bühne zu Tode würgen. Als der herbeigekommene Aegisth ihre Leiche entdeckt, bekommt er einen Dolch in den Rücken.

Am Ende tanzt Elektra doch noch ein wenig wild herum, stirbt aber nicht, sondern setzt sich wie versteinert hin. Orest verlässt den Hof und Chrysothemis ruft ihm nach. Aus. So weit ist das alles von Chéreau souverän in Szene gesetzt, doch letztlich bleibt alles seltsam blutleer und distanziert. Hilfe kommt auch kein­e aus dem Orchester­graben, wo Esa-Pekka Salonen seine erst­e „Elektra“ am Pult des tüchtigen Orchestre de Pari­s recht grob dirigiert. Man kann nur wünschen, dass dies­e „Elektr­a“ auf ihren internationalen Stationen noch Fahrt aufnimmt.


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