Sieben Mal „nicht schuldig“ in sieben Minuten

Mit der Verlesung der Anklage begann am Mittwoch in Boston der Weg zum Prozess gegen Dzhokar Tsarnaev. Der erste Auftritt des mutmaßlichen Bombenlegers dauerte gerade einmal sieben Minuten.

Boston – Mit Fußfesseln und orangefarbener Gefängniskleidung betrat Dzhokhar Tsarnaev den Bostoner Gerichtssaal. Der linke Arm war geschient, am Hals war eine relativ frische Narbe zu sehen, die rechte Gesichtshälfte war geschwollen. Es war der erste Auftritt des 19-Jährigen, nachdem er im April nach einer langen Verfolgungsjagd verhaftet wurde. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Tamerlan soll der gebürtige Tschetschene zwei Bomben beim Boston Marathon gezündet haben. Drei Menschen starben, mehr als 260 wurden verletzt. Auf der Flucht soll das Duo eine Universitätspolizisten getötet haben.

Am Mittwoch erfolgte nun die offizielle Anklageverlesung. Stunden vor dem Termin war Tsarnaev ins Gericht gebracht worden. Gepanzerte Hummer eskortierten den Gefangenentransport zum schwer bewachten Gerichtsgebäude. Der Saal, in dem die Anhörung stattfand, war voll besetzt: Rund 30 Opfer des Anschlags oder deren Angehörige beobachteten, wie der 19-Jährige hereingeführt wurde. Auch die beiden Schwestern des Angeklagten waren anwesend. Eine begann zu weinen, die andere hielt ein Baby im Arm. Immer wieder drehte sich Tsarnaev zu ihnen um, lächelte einmal kurz und warf ihnen am Ende eine Kusshand zu.

Tiefe Stimme, starker Akzent

Während der Aklageverlesung konnte sich der 19-Jährige kaum stillhalten: Er zappelte, gähnte, strich sich über das Gesicht. Seine Anwältin tätschelte mehrmals beruhigend seinen Rücken, berichtete der Boston Globe.

US-Staatsanwalt William Weinreb verlas die 30 Anklagepunkte in sieben Blöcke unterteilt. Nach jedem Absatz fragte Richterin Marianne Bowler den mutmaßlichen Attentäter: „Wie bekennen Sie sich?“ Als eine der beiden Anwältinnen für ihren Mandanten antworten wollte, unterbrach die Richterin und verlangte die Antwort von Tsarnaev selbst. „Nicht schuldig“, sagte der 19-Jährige mit tiefer Stimme und deutlichem Akzent – siebenmal. Lebenslange Haft oder die Todesstrafe stehen auf die Verbrechen, die dem Angeklagten vorgeworfen werden.

Demonstranten fordern Freilassung

Vor dem Gebäude hatten den ganzen Tag rund ein Dutzend für die Freilassung des 19-Jährigen demonstriert. Ihnen gegenüber stand eine Reihe von Polizeibeamten des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Sie hielten Ehrenwach für ihren Kollege, den die Brüder vor der Universität erschossen haben sollen. Als der Chef der Campuspolizei aus dem Gerichtssaal kam, meinte er, der Beschuldigte sei „keiner Tränen wert“.

Auch der Trainer des Ringerteams, zu dem Tsarnaev während seiner Schulzeit gehörte, und ehemalige Mannschaftskollegen waren zum Gericht gekommen. Sie verfolgten die Anhörung per Videoübertragung in einem anderen Saal. „Ich wollte sehen, ob ich Reue bei ihm sehen würde, aber ich kann nicht sagen, ob es so ist“, sagte der Trainer gegenüber dem Boston Globe. Die Vorwürfe gegen den ehemaligen Teamkameraden seien schwer zu begreifen, erklärte ein Ex-Ringer-Kollege. „Er war ein normaler Typ. Er hat Witze gerissen“, sagte der 20-Jährige gegenüber der Zeitung.

Nächster Gerichtstermin Ende September

Nach sieben Minuten war die Anhörung vorbei. Schwer bewacht von US-Marschalls wurde Tsarnaev zurück in das Krankenhaus des Armeestützpunkts Fort Devens, wo er derzeit inhaftiert ist.

Den nächsten Termin hat die Richterin für 23. September angesetzt. Bis der Prozess wirklich beginnt, wird es noch länger dauern. Drei bis vier Monate werde dieser dann dauern, meint der US-Staatsanwalt, 80 bis 100 Zeugen sollen dabei gehört werden. (smo)


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