UN-Prognose: Bevölkerung Afrikas vervierfacht sich, Europa schrumpft

Zehn Milliarden Menschen muss die Erde im Jahr 2100 verkraften, prognostiziert die UNO. Bis dahin wird allein Nigeria mehr Einwohner haben als ganz Europa. Sowohl wachsende als auch schrumpfende Gesellschaften müssen sich großen Problemen stellen.

Innsbruck/New York – Weltweit gesehen wächst die Menschheit weiter rasant. Aber während Europa bis zum Ende des Jahrhunderts rund 14 Prozent seiner Einwohner verlieren wird (derzeit 740 Mio.), sollen in Afrika vier Mal so viele Menschen wie jetzt leben, hieß es von den Vereinten Nationen zum heutigen Weltbevölkerungstag.

Diese Schere bringt erhebliche soziale Probleme mit sich, sowohl für die Entwicklungs-, als auch für die Industriestaaten: In armen Regionen, die jetzt schon stark am Mangel von Nahrungsmitteln und Ressourcen leiden, müssen immer mehr Menschen versorgt werden, was die Wahrscheinlichkeit sozialer Krisen und Kriege steigert. In den schrumpfenden Wohlfahrtsstaaten werden die sozialen Sicherungssysteme, wie das derzeitige Pensionsmodell in Österreich, aufgrund der „Vergreisung“ der Bevölkerung kaum noch tragbar sein.

Nigeria überholt China

Die UN-Prognosen gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2100 die Marke von zehn Milliarden Menschen auf unserem Planeten überschritten wird. Derzeit sind es rund 7,2 Milliarden. Nigeria könnte innerhalb der nächsten 90 Jahre China überholen und mehr als eine Milliarde Einwohner haben - jetzt ist es nicht einmal ein Sechstel.

Südlich der Sahara, in einer der ärmsten Regionen der Welt, würden 2100 voraussichtlich 3,8 Milliarden Menschen leben, schätzt die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung in Hannover. Derzeit wird die Zahl der Menschen dort mit 900 Millionen angegeben. „In Entwicklungsländern hat nach wie vor jede vierte Frau, die gern verhüten möchten, keine Möglichkeit dazu“, sagte Geschäftsführerin Renate Bähr. 44 Prozent der Weltbevölkerung sind nach Angaben der Stiftung unter 25 Jahre alt. Das sei die größte Jugendgeneration aller Zeiten.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

UN-Experte: Einige Länder „reagieren sehr gut“

Im krassen Gegensatz dazu soll die Bevölkerungszahl in Europa weiterhin stetig abnehmen. Aber: „Demografie ist kein Schicksal. Fast alle entwickelten Länder kämpfen mit einem Bevölkerungsrückgang“, meint der Chef des UN-Bevölkerungsfonds, Babatunde Osotimehin, in einem dpa-Interview. „Aber man kann darauf reagieren. Und einige Länder machen das sehr gut, etwa Dänemark, Frankreich und Schweden.“ Der entscheidende Punkt sei die Gesellschaft, meint Osotimehin: „Kann sie Frauen zum Kinderkriegen ermutigen, ihr aber trotzdem die gleichen Karrierechancen einräumen wie den Männern?“ Die Politik allein könne dies nicht, sie könne nur „steuern“.

Generell müsse laut Osotimehin bei Regierungsprogrammen die Frau in den Mittelpunkt gestellt werden: „Frauen brauchen Zugang zu Verhütungsmitteln. Frauen brauchen aber auch Zugang zu Arbeit und zu den Spitzen der Gesellschaft. Wer das hat, hat auch Wachstum.“

Wirtschaftskrise drückt Geburtenrate

Dass umgekehrt in den westlichen Staaten schwaches Wirtschaftswachstum die Entwicklung der Geburtenrate beeinflussen kann, zeigt die aktuelle Schuldenkrise. Im Durchschnitt von 28 europäischen Ländern sank die Kinderzahl pro Frau umso stärker, je höher die Arbeitslosenquote anstieg, wie jüngst aus einer Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock hervorging.

Besonders deutlich sei das in den südeuropäischen Ländern wie in Spanien und Kroatien, außerdem in Ungarn, Irland und Lettland. Vor allem Europäer unter 25 Jahren verzichteten bei steigender Arbeitslosigkeit auf Kinder oder verschoben zumindest die Familiengründung, wie die Forscher im Fachjournal „Demographic Research“ berichten.

Sowohl Entwicklungs-, als auch Industrieländer müssen rasch Strategien entwickeln, um mit ihren jeweiligen Bevölkerungsentwicklungen umzugehen. Sonst sind soziale Krisen garantiert – in wachsenden, wie auch in schrumpfenden Gesellschaften. (TT Online mit Beiträgen von dpa-Reporter Chris Melzer)


Kommentieren


Schlagworte