Das Wunder der Wundheilung

Ein kleiner Stolperer und schon blutet das Knie. Aber wie verheilen Wunden eigentlich, wie reagiert man im Akutfall und wann sollte der Verletzte auf jeden Fall zum Arzt?

Von Kathrin Siller

Innsbruck –Aufgeschürfte Ellenbogen, Blasen oder ein verbrannter Finger – Radtouren, Wanderungen oder Grillagen hinterlassen nicht selten schmerzhafte Spuren an unserem Körper. Nicht jede Verletzung ist ein Fall für die Notaufnahme – trotzdem werden viele Schrammen schnell behandlungsbedürftig, sagt Gerhard Pierer, Vorstand der Innsbrucker Uni-Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie. „Sobald eine Wunde tiefer oder verschmutzt ist oder stark blutet, sollte man sie vom Arzt behandeln lassen“, rät der Mediziner.

Bei Verbrennungen kann oft ein spezieller Verband nötig werden. Auch Tier- oder Menschenbisse sind aufgrund ihres hohen Infektionsrisikos alles andere als harmlos. Wenn Verdacht auf eine Begleitverletzung besteht, führt kein Weg an einem Arztbesuch vorbei. Beispiel: Ein Kind trägt eine Flasche vom Keller herauf, stürzt und fällt mit der Hand in die Scherben. Bei solchen Stichverletzungen können schnell auch Sehnen oder Nerven durchtrennt werden.

Damit man im Fall einer Verletzung nicht hilflos dasteht, sollte ein Erste-Hilfe-Set auch jede Rad- oder Bergtour begleiten. Für Blasen-Geplagte hat Pierer einen speziellen Tipp parat: „Sehr hilfreich sind neue Verbandsstoffe mit Hydrokolloid-Substanzen, die großflächig über die Blase geklebt werden. Es gibt sie in jeder Apotheke.“

Blutet die Wunde stark, sollte man auf keinen Fall daran herummanipulieren. Die ersten Schritte: Die Wunde reinigen und einen Druckverband anlegen, also die Verletzung mit einer sauberen Binde oder einem Tuch abbinden. „Ob genäht werden muss oder nicht, hängt davon ab, wo sie liegt und wie die Qualität der Narbe sein soll“, weiß Pierer. Chirurgisch versorgte Wunden hinterlassen generell weniger breite und dicke Narben. Verletzungen im Gesicht werden vorzugsweise genäht. Ist eine Wunde sehr tief, die Ränder verschmutzt oder gequetscht, muss vor dem Nähen das kaputte Gewebe entfernt oder die Wundränder neu angeschnitten werden. Bei schweren Verletzungen, die einen Defekt hinterlassen, kann eine Hauttransplantation oder Lappenplastik nötig werden.

Bis zu 14 Tage nimmt schließlich die Heilung in Anspruch. Spezielle Pflaster z. B. neue Produkte mit integrierter Wundheilungscreme halten laut Pierer meist nicht, was sie versprechen. Antibiotika werden in der Abheilungsphase nicht routinemäßig, sondern nur bei Komplikationen verabreicht. Es kann zu Nachblutungen kommen, wenn der Patient z. B. gerinnungshemmende Medikamente nimmt. Nach drei bis vier Tagen treten hin und wieder Infektionen auf: Die Wunde wird heiß, rot oder eitrig, der Patient bekommt Fieber.

Auch Insektenstiche, Tierbisse oder Bagatellwunden etwa durch einen Dornenstich können sich entzünden und verlangen dann nach ärztlicher Versorgung. Als Komplikation gelten weiters Wundheilungsstörungen, die z. B. oft bei Diabetikern auftreten.

Bis zu zwei Jahre kann es dauern, bis die Narbe „fertig“ ist, d. h. bis die rote gefäßreiche Wulst verblasst. Im ersten Jahr nach der Verletzung sollte man die sensible Haut und den Narbenbereich bestmöglich vor Sonne schützen (Kleidung, Hut, Sonnencremen mit hohem Lichtschutzfaktor). Frische Narben dunkeln nämlich stark nach und werden dann nicht mehr heller. Manchmal braucht es zudem eine Behandlung mit Kompressionsbandagen (z. B. nach Verbrennungen), Massagen oder speziellen Pflastern.

„Eine Narbe kann viel Symbolkraft haben und nach Unfällen, mit denen man negative Gefühle verbindet, zu Flashbacks führen“, so Pierer. Manchmal ist deshalb psychologische Unterstützung nötig, um eine Verletzung zu verarbeiten. Erwiesen ist, dass Narben besser heilen und weniger wehtun, wenn sie akzeptiert und gepflegt werden.


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