Der Alte könnte auch der Neue sein: Juncker stellt sich Neuwahl

Das Aus für die Regierung des luxemburgischen Premiers Juncker wegen der Geheimdienst-Affäre sagt noch nichts über die Zukunft des 58-Jährigen. Er will weitermachen - wenn seine Partei ihn unterstützt.

Von Jörg Fischer und Oliver von Riegen, dpa

Luxemburg - „Mister Euro“ Jean-Claude Juncker muss einen hohen Preis für die Geheimdienst-Affäre bezahlen. Seine Regierung ist zerbrochen an einem Krimi um übereifrige Spione. Doch der Humor währt bei ihm lang. Obwohl es schwere Wochen für den Luxemburger Ministerpräsidenten sein müssen, sagt er am Tag nach dem vorläufigen Aus der Regierung vor Journalisten: „Ich habe die letzten Wochen eigentlich extrem gut geschlafen, die letzte Nacht besonders gut.“ Ganz ausgeschlafen sieht der 58-Jährige nach all dem Stress allerdings nicht aus. Von Rücktritt will er am Donnerstag ebenso wenig wissen wie am Tag zuvor in der Mammutdebatte im Parlament, als er die Neuwahl ins Spiel brachte.

Großherzog Henri muss entscheiden

Der dienstälteste Ministerpräsident in der EU gibt sich am Tag nach seiner Schlappe im Luxemburger Parlament zwar gut aufgelegt, doch das Gesicht des als Spaßvogel bekannten Politikers wirkt recht angespannt. Er spricht viele Worten auf Letzeburgisch - einer Variante des Moselfränkischen -, Französisch und Deutsch kommen ihm recht wenig über die Lippen. Juncker zeigt sich ganz als Staatsmann, der Entscheidung des Großherzogs will er nicht vorgreifen. Rund eineinhalb Stunden hatte Juncker mit seinen Ministern den Fahrplan für die Neuwahl besprochen, dann ging es zu Großherzog Henri. Dieser muss nun über das weitere Vorgehen entscheiden.

Die Chancen des Regierungschefs, trotz Versäumnissen bei der Kontrolle des Geheimdienstes auch nach einer Neuwahl weiter regieren zu können, stehen nicht schlecht - das sehen zumindest einige Luxemburger so. „Wen sollte man sonst wählen?“, fragt sich die 41 Jahre alte Verkäuferin Danielle Weber. „Sollte man jemanden nur wegen einer Dummheit fallenlassen?“

Auch Versicherungskaufmann Jean Müller (44) meint: „Es gibt Wichtigeres, etwa die Probleme mit der Wirtschaftskrise, mit denen auch das reichste Land in der EU zu kämpfen hat.“ Er zeigte sich sicher: „Juncker wird wiedergewählt - darauf wette ich.“ Die Aufregung um Juncker sei für ihn weniger wichtig als sein Sommerurlaub, auch wenn das sicher „ein historischer Moment für uns Luxemburger“ sei. Müllers Kollege Pierre Schleck ist kritischer. Er spekuliert, dass es eine Mehrheit für Sozialisten, Grüne und Liberale geben könne und Juncker dann weg vom Fenster wäre. „Aber das wird auch nicht viel ändern.“ Die Mehrheit in einer Umfrage will Juncker weiter als Ministerpräsident sehen - die Teilnehmer wurden allerdings vor der entscheidenden Parlamentssitzung vom Mittwoch befragt.

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„Gibt keinen Besseren als Juncker“

In Brüssel stärken Parteifreunde Juncker den Rücken. „Ich hoffe von Herzen und mit Überzeugung, dass er die Partei (CSV) in die Neuwahl führen wird“, sagt EU-Justizkommissarin und Parteifreundin Viviane Reding, die selbst Luxemburgerin ist. „Einen Besseren als Jean-Claude Juncker hat Luxemburg nicht aufzuweisen.“

Der Mann, der über eine Affäre mit illegalen Abhöraktionen seinen sozialdemokratischen Koalitionspartner verloren hat, würde gern wieder antreten: „Lust hätte ich schon, aber das muss meine Partei entscheiden.“ Junckers Parteichef Michel Wolter ließ in einem Interview vor wenigen Tagen jedenfalls keinen Zweifel daran, dass er hinter Juncker steht. (dpa)


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