Ein Fußgänger im Einsatz für den Planeten

Alexander Egit ist kein Mann für Horrorszenarien, er gibt sich als Optimist und ist aus tiefstem Herzen ein Stratege. Österreichs Greenpeace-Chef hält Rückschau auf 30 Jahre Umweltschutz.

Jake Burton Carpenter ist ein leidenschaftlicher Produkttester. Seine Frau Donna kümmert sich um den Sport der Frauen und Umweltfragen.Foto: Andreas Rottensteiner
© thomas boehm

Sie sind nicht gerade klein. Verleihen Sie mit Ihrer Größe dem Umweltschutz mehr Gewicht?

Alexander Egit: Es ist grundsätzlich kein Fehler, wenn man größer ist.

Wie sind Sie ein Umweltschützer geworden?

Egit: Ich war schon in der Schule politisch interessiert und auch Schulsprecher. Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Auch als Student war ich politisch aktiv. Die erste große Aktion, an der ich teilgenommen habe, war aber 1984 Hainburg (Besetzung gegen das geplante Wasserkraftwerk, Anm.). Freda Meissner-Blau und Günther Nenning waren auch dabei. Wenn man bei minus 20 Grad in der Au sitzt, beginnt man die Dinge anders zu sehen. Vielleicht ist es mir anfangs nicht nur um Naturschutz, sondern um die unfassbare Ungerechtigkeit gegangen, wie die Polizei Demonstranten behandelt hat.

Bei der ersten großen Umweltaktion Österreichs vor der Chemie Linz waren Sie also gerade nicht dabei?

Egit: Nein. Ich kann mich gut an 1983 erinnern. Diese Art von Aktionismus – wir sprechen hier von non- violent direct action – war in Österreich unbekannt. Das war neu und wichtig. Damals war das Umweltthema noch nicht präsent, während heute schon jeder ein grünes Mäntelchen trägt. Ich überlegte damals noch, ob ich den Weg in die Parteipolitik einschlagen sollte. Doch ich dachte, dass ich bei Non-Profit-Organisationen mehr für die Umwelt erreichen kann. 30 Jahre später kann ich sagen, dass sich meine These bewahrheitet hat.

Greenpeace feiert heuer sein 30-jähriges Bestehen in Österreich. Ist Umweltschutz leichter geworden?

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Egit: In den Anfängen war der saure Regen ein großes Thema. Man hat den gelben Rauch aus den Schloten gesehen. Deshalb war es damals leichter, Aktionen durchzuziehen. Die Probleme waren klar sichtbar. Heute sind sie viel komplexer. Siehe Klimawandel. Daran denkt man nach Wetterextremen wie nach dem letzten Hochwasser. Aber sonst ist der Klimawandel schwer nachvollziehbar. Auch die Frage, was ein Einzelner tun kann, ist komplexer geworden. Viele denken sich, was man in Österreich tut, ist in China nicht relevant.

Was werten Sie als Erfolg?

Egit: Dass das Waldsterben gestoppt wurde, ist ein früher Erfolg. Im Schutz der Wale wurde viel erreicht. Ich denke an den Stopp von oberirdischen Atomwaffentests. Damals wurde ja unser Schiff, die Rainbow Warrior, in die Luft gesprengt. Ein Fotograf kam dabei ums Leben. Doch zurück zu Österreich: In den 90er-Jahren schwappte von den USA eine Gentechnik-Welle über Europa. Deutschland, die Schweiz und Österreich waren die Einzigen, die sich dagegenstellten. Das Importverbot von Gentechnik-Mais verbuche ich als Erfolg. Gentechnik-Mais wird man heute in den Geschäftsregalen und auf den Feldern in Österreich nicht finden. Wo er schon zu finden ist, sind Futtermittel. 1999 war mit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union auch das Abschalten von drei gefährlichen Atomreaktoren verknüpft. Wenn man diese Geschichte sieht, weiß man, wofür man arbeitet.

Sie klingen optimistisch. Wie schätzen Sie die Moral gegenüber der Umwelt ein?

Egit: Mein Eindruck ist, dass sich das Verständnis für Umweltschutz durchgesetzt hat. Eine anderer Punkt ist, ob danach gehandelt wird. Mittlerweile reagiert aber auch die Wirtschaft. Es gibt biologische Lebensmittel und Ökostrom. Das finde ich ermutigend. Bei vielen Kampagnen bitten wir heute Konsumenten um Unterstützung. Man denke hier an die Entgiftung von Modemarken.

Sie haben gesagt, dass Sie 1989 beim Niedergang des Kommunismus in Ungarn dabei waren.

Egit: Ungarn war 1989 ein Schlüsselland. Offiziell konnte man nicht sagen, dass der Zusammenbruch des Kommunismus gekommen war. Praktisch jeder in Ungarn war aber auch gegen das Kraftwerk Nagymaros. Ich bin damals mit Taschen voller Flugblätter rübergefahren. (Das war nicht gefährlich). Hinter den Demonstrationen gegen das Kraftwerk steckte auch eine Demonstration gegen den Kommunismus. Ein bisschen mitgewirkt habe ich also schon.

Zu Ihrer Verantwortlichkeit in Osteuropa waren Sie auch in China tätig. Sie trainieren Menschen für Kampagnen. Worauf legen Sie dabei Wert?

Egit: Es ist wichtig, strukturiert an ein Problem heranzugehen. Diese Eigenschaft fehlt Menschen oft. Es bringt nichts, von den eigenen Emotionen weggerissen zu werden. Die Frage lautet: Was ist das Ziel, welches Know-how, welche Strategie und Taktik brauche ich? Ich habe einen strukturierten Zugang zu Veränderungsprozessen und sage mir immer: Wir müssen so groß wie möglich denken. Think big! Das ist der Ausgangspunkt. Dann soll man nicht tun, was alle tun. Es bringt nichts, eine Aktion zu verdreifachen. Also: Make the difference.

Zuletzt wurde das gemeinsame europäische Fischereirecht als Erfolg gefeiert. Wie geht es den Fischen?

Egit: Die Reformen in der gemeinsamen Fischereipolitik sind gelungen. Doch mit den Fischbeständen sieht es in der EU schlecht aus. Zudem waren europäische Flotten in Westafrika mit EU-Finanzierung unterwegs. Das Problem sind die extrem hohen Fangkapazitäten und die zerstörerischen Methoden zu fischen. Schleppnetze über dem Grund bringen nicht nur Schollen und Plattfische ins Netz, sondern auch zu junge Bestände und sehr viel Beifang. Schleppnetze zerstören die gesamte Meeresfauna und -flora. Mit der gemeinsamen Fischereipolitik könnte dies behoben werden. Jetzt steht die gemeinsame Agrarpolitik an. Vielleicht kann der Machtblock EU ein Signal setzen.

Welchen Fisch essen Sie?

Egit: Ich esse nicht viel Fisch und wenn, eher heimischen, wie Forelle, Wels und Zander. Shrimps esse ich nicht. Mit den Aquakulturen werden die Mangroven zerstört. Außerdem sind die Aquakulturen meist klein angelegt. Wenn ich an die eingesetzten Antibiotika denke, dreht sich mir der Magen um.

Vom Fisch zu den Bienen ...

Egit: Beim Bienenschutz geht es um einen fundamentalen Strukturwandel in der Landwirtschaft. Die Monokulturen in einigen Gebieten Österreichs passen mit Bienenschutz nicht zusammen. Doch Bienenschutz ist für Obstbauern eine Überlebensfrage. Das Verbot der ersten Neonicotinoide werte ich als Meilenstein. Ich kenne Imker in Niederösterreich, die ihre Bienen zur Sommerfrische nach Wien bringen, weil weniger Pestizide eingesetzt werden.

Die Tiroler bringen sie auf die Alm. Jetzt sind wieder die Straßenwerber von Greenpeace unterwegs. Sind sie aggressiver geworden?

Egit: Jeder hat seine Werbemaßnahmen. Grundsätzlich ist die Werbung auf der Straße weniger aggressiv als früher. Außerdem stellen wir die Leute für ihre Werbetätigkeit an. Es gibt auch keine Quoten, das heißt, sie können entspannt arbeiten. Für viele ist es ein Sommerjob. Wir haben keine andere Alternative, als an die Menschen heranzutreten, da wir keine Mittel von Staat und Unternehmen annehmen. Aber ich verstehe, dass es nicht immer angenehm ist, auf der Straße angesprochen zu werden.

Und was macht ein Umweltschützer wie Sie in der Freizeit?

Egit: Ich gehe in die Berge, klettere gerne am Fels und fahre Rad. In einer Stunde fahre ich zum Genfer See und gehe zu Fuß nach Nizza. Außerdem gehöre ich einem Lesekreis an. Wir lesen übrigens keine Sachbücher, sondern ausschließlich Romane.


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