Unterschätzte Gefahr am Berg

Die Suche nach einem vermutlich tödlich verunglückten 41-jährigen Bergführer und einem deutschen Urlauber im Zillertal endete auch gestern erfolglos – die Fortsetzung einer unheimlichen Absturzserie.

Von Katharina Zierl

Innsbruck –Vor den Augen seines 14-jährigen Sohnes stürzte ein 49-jähriger Leutascher am Mittwoch im „Adventure Park“ in den Tod. Ein tragisches Schicksal, hinterlässt der Mann doch Frau und vier Kinder. Eines von vielen Dramen, die sich zuletzt in Tirols Bergen abgespielt haben. Nahezu täglich sind die Einsatzkräfte mit Vermisstenmeldungen und Abstürzen konfrontiert.

Auch die Suche nach einem 41-jährigen Bergführer aus dem Zillertal und einem deutschen Urlauber verlief bislang erfolglos. Die Hoffnung, die beiden lebendig zu finden, geht gegen null. Vermutlich stürzten sie Hunderte Meter ab. „Die Suche gestaltet sich schwierig, weil es so viele Felsspalten gibt“, sagt Peter Veider, Geschäftsführer der Tiroler Bergrettung, der an der Suche beteiligt ist. An einer Spalte beim Löffler Kees am Großen Löffler habe man einen Rucksack und andere Gegenstände der Bergsteiger, die seit Mittwoch vermisst werden, gefunden.

Ebenfalls seit Mittwoch abgängig war ein 52-jähriger Osttiroler. Er stürzte bei einer Tour in den Lienzer Dolomiten in den Tod. Am Donnerstag wurde die Leiche des Mannes entdeckt. Ende Juni kamen innerhalb eines Tages sechs Menschen im Ortler-Massiv in Südtirol bei einem Bergdrama ums Leben. Insgesamt gab es in Tirol von 1. Mai bis jetzt 18 Bergtote – in dieser Bilanz scheinen die beiden im Zillertal Vermissten noch nicht auf. Eine unheimliche Serie, die Fragen aufwirft. „Derzeit kann man durchaus von einer Häufung an tödlichen Bergunfällen sprechen“, bestätigt Veider. „Insgesamt spielt die Tatsache, dass es heuer so viel Schnee gab, sicher eine Rolle. Die Lawinengefahr ist groß, die Routen sind rutschig“, erklärt der Geschäftsführer der Bergrettung. Langfristig würde sich auch der Rückgang der Gletscher auswirken: „Es wird mehr Material freigelegt, Steine liegen herum, das Gebirge wird instabiler. Auch der Rückgang des Permafrosts wirkt sich über die Jahre aus.“

Eric Veulliet, Geschäftsführer vom AlpS (Zentrum für Klimawandelanpassungstechnologien in Innsbruck), bestätigt, dass der Rückgang der Gletscher und des Permafrosts Einfluss auf die Unfallhäufigkeit hat: „Die Steinschlaggefahr steigt, das Material ist lockerer.“ In zehn bis zwanzig Jahren werde das Risiko am Berg auf Grund dieser Entwicklungen sicher noch größer sein, sagt Veulliet.

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Gerade am heute beginnenden Wochenende ist wieder mit gefährlichen Situationen zu rechnen, betont Veider: „Wenn das Wetter in der Touristenzeit passt, sind natürlich wieder viele unterwegs.“ Der Geschäftsführer der Bergrettung betont, dass die Risikobereitschaft am Berg insgesamt stark angestiegen ist: „Auch wenn Touristen überhaupt keine Ahnung haben, rennen sie auf den Berg. Der Erlebnishunger steht bei vielen an erster Stelle.“ Nach ein paar Stunden würden die unerfahrenen Wanderer müde, wodurch die Gefahr von Unfällen deutlich größer werde: „Rund 70 Prozent der tödlichen Unfälle auf den Bergen werden im leichten Gelände verzeichnet“, betont Veider.

Aber auch erfahrene Alpinisten – wie die Vorfälle in der jüngsten Vergangenheit zeigen – seien vor tragischen Unfällen nicht gefeit. „Ein Restrisiko gibt es am Berg immer. Und wer sich häufig im Gebirge bewegt, hat naturgemäß ein höheres Risiko als andere“, sagt Veider.

Eric Veulliet vom AlpS betont, bei der Häufung von tödlichen Alpinunfälle handle es sich um „einen unglücklichen Zufall“. Auch Norbert Zobl, Chef der Alpinpolizei, erklärt, man könne bei den Unfällen keinerlei Muster erkennen: „Jeder Vorfall hatte eine andere Ursache. Es gibt keinen Zusammenhang. Es kommt immer wieder vor, dass sich derartig tragische Vorfälle häufen.“

Veider rät allen, die Gefahren am Berg nicht zu unterschätzen: „Wichtig ist, ein aufgeladenes Handy mitzunehmen, Angehörige oder Bekannte zu informieren, welche Tour man geplant hat und wann man zurückkehrt.“ Außerdem sollten Wanderungen und Bergtouren möglichst früh am Morgen gestartet werden, um die Hitze zu meiden.


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