„Mir ging‘s immer um die Geschichten der Menschen“

Mit der für sie typischen rauchigen Stimme und begleitet von viel Lachen erzählt Filmemacherin Elizabeth T. Spira über ihre Faszination an guten Geschichten und interessanten Menschen.

Wien – Diese Woche startete die bereits 17. Staffel von „Liebesg’schichten und Heiratssachen“. Die Partnersuche im ORF bescherte dem Sender erneut Traumquoten – 886.000 Zuschauer schauten sich an, welche Kandidaten des Vorjahres ihr Liebesglück gefunden haben. Und für Filmemacherin Elizabeth T. Spira ist der Staffelstart der Beginn eines Interviewmarathons – denn natürlich wollen alle mehr über das Geheimnis ihres Erfolges erfahren.

Sie haben die 17. Staffel von „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ abgedreht ...

Elizabeth T. Spira: Ja, Wahnsinn!

Wir haben sehr viele Kandidaten gesehen und kennen gelernt. Können die Menschen Sie noch überraschen?

Spira: Oh ja! Überraschen mit „Narrischkeiten“ nicht unbedingt, aber es gibt in jeder Staffel immer ein, zwei Leute, die wir besonders gern haben. Der Liebling der Staffel schaut bei uns Damen zwar immer anders aus als bei den Herren. Aber es gibt immer wieder Geschichten, die einfach spannend, tragisch, lustig, komisch, oder alles Mögliche sind.

Was öffnet Ihr Herz?

Spira: Ich liebe alle Kinder, alle Kandidaten gleich. Und ich mag niemanden kränken, das gehört sich auch nicht.

In 17 Jahren sieht man fast eine ganze Generation. Würden Sie sagen, dass sich etwas daran geändert hat, wie die Menschen Liebe suchen und finden?

Spira: Bei uns haben sich immer relativ viele Leute gemeldet, wobei am Anfang waren es mehr einfachere Leute. Für Bürgerliche war es mehr igittigitt, es hieß, zu so etwas geht man nicht hin. Es gab immer ein paar Wagemutige, aber es war eher pfui Teufel. Das ist heute weg. Heute melden sich mehr bürgerliche als einfache Leute.

Für mich war auch wichtig, dass sich Homosexuelle melden. Vor 16 Jahren war es ein Ding der Unmöglichkeit, dass ein Mann einen Mann sucht und eine Frau eine Frau. Das wurde irgendwann, so in den letzten acht, zehn Jahren kein Problem mehr, im Gegenteil. Daran merkt man, dass auch in Österreich vielleicht eine gewisse Liberalität eintritt.

Wir haben heuer eine Dame, die aus Serbien hergekommen ist, und einen türkischen Arzt, aber es melden sich wenig Leute mit Migrationshintergrund. Vielleicht hie und da. Aber wahrscheinlich sind die in ihrer Gemeinschaft und noch nicht so „verösterreichisiert“, dass sie ins Fernsehen gehen und es egal ist, wer sich meldet.

Sie nehmen sich immer sehr viel Zeit für die Kandidaten, zeigen Details in der Wohnung. Das hat fast einen bedächtigen Charakter, womit sich Ihre Sendung von aktuellen Formaten mit hektischen und schnellen Schnitten abhebt. Schauen Sie selbst Fernsehen?

Spira: Ich schau’ wenig fern. Wenn, dann kaum österreichisches Fernsehen, weil die Nachrichten und Diskussionen für mich im deutschen Fernsehen wesentlich interessanter sind.

Und beobachten Sie ähnliche Formate auf anderen Sendern?

Spira: Nein, nein. Es gibt sehr viele, aber das ist irgendwie eine andere Machart. Ich möchte gar nicht beurteilen, ob das besser oder schlechter ist. Mir ging es nie darum, dass ich die berühmte Moderatorin werde, die dann jeder kennt, ich wollte auch nie eine Schönheitskönigin sein. Mir ging es immer um Geschichten. Wie leben Leute, welche Sehnsüchte haben sie, wo ist ein Manko, welche Tragödien spielen sich unter der Oberfläche ab, das interessiert mich.

Und ich habe sicher einen anderen Zugang, als Sendungen, wo die Leute schon nach Brauchbarkeit gecastet sind. Wir schauen uns keinen Kandidaten vorher an, uns ist es auch wurscht, wie die Leute ausschauen.

Ihr Gesicht zeigen Sie in der Sendung nicht, aber Ihre Stimme hört und kennt man sehr gut. Wie pflegen Sie Ihr Markenzeichen?

Spira: Ich rauche seit fünf Jahren nicht mehr, Gott sei Dank, aber es war schwer, es mir abzugewöhnen. Nachdem die Summe der Süchte immer gleich bleibt, habe ich dann mehr gegessen und getrunken, was man mir leider jetzt ansieht.

Aber dass Sie sich in der Sendung zeigen, ist das jemals für Sie in Frage gekommen?

Spira: Das mache ich nicht, nein. Entweder man macht es ordentlich, dann braucht man zwei Kameras, zwei Teams und das ist dann plötzlich so ein großer Aufwand. Und da muss ich schauen, dass ich ordentlich ausschau’, da muss ich beim Friseur gewesen, geschminkt sein. Oder es schaut nicht ordentlich aus – und das will ich nicht. Und es geht ja nicht um mich, sondern um die Leute. Es geht darum, dass ich, wenn ich eine Frage stelle, auch sehen will, welche Reaktion ich auslöse. Welche Reaktion bei mir ist, ist relativ wurscht.

Sie und Ihre Sendung müssen sich auch Kritik gefallen lassen. Einsame Menschen werden vorgeführt, sogar lächerlich gemacht, sagen Kritiker.

Spira: Ich kann damit ganz gut umgehen. Wenn ich jemanden in seiner Wohnung filme, muss ich die Wohnung zeigen. Das heißt: Ich zeige das Milieu, in dem jemand lebt. Und außerdem ist das auch spannend. Wenn ich ein Porträt über einen Menschen mache, dann will ich auch wissen, wie er lebt. Welche Tröstungen sind in der Wohnung, wie viele Teddybären sitzen da oder welche Bilder, welche Küche, welche Tapeten hat er. Früher gab’s schöne Tapeten, so Alpen-oder Südseetapeten, die sind jetzt leider out, die habe ich sehr geliebt. Jetzt ist die Mode eher so, das eine Zimmer ist „gackerlgelb“, das andere ist grün, das dritte lila. Und heute gibt es sicher mehr Buddha-Figuren als Kruzifixe in den Wohnung.

Das Wohnzimmer ist für viele Österreicher eine Art Heiligtum, da lässt man nicht jeden hinein. Wie schaffen Sie es, dass die Leute ihre Haustüre öffnen und ihre Geschichte erzählen? Haben Sie ein Geheimnis?

Spira: Nein! Und wenn – würde ich es nicht verraten natürlich! Im Prinzip gibt es ein Gespräch, aber ich überlege mir das vorher nicht durch. Ich suche die Geschichten ja aus und weiß bereits, wer interessant zu sein scheint, und wer nicht. Und dann lese ich mich eine Minute, bevor wir ankommen, ein, weil ich es sonst sofort wieder vergesse.

Dann sitze ich dort und weiß natürlich mehr, als die Person ahnt, aber er darf nicht wissen, dass ich es weiß, sonst würde er seine Geschichte nicht mehr erzählen. Sonst ist die Stimmung beim Teufel. Deshalb sind gecastete Leute auch so schrecklich langweilig. So werden da künstlich Geschichten erzeugt. Und für sie ist es das erste Mal, mir zu begegnen und mir Geschichten zu erzählen – und meine Aufgabe ist es, dass sie die Scheu verliert, aber das geht ganz schnell. Nachdem ich eine alte Dame bin, braucht man vor mir keine Angst zu haben. Groß bin ich nicht, stark bin ich auch nicht, rundlich bin ich auch. Manchmal nützt’s was, alt zu sein!

Seit 17 Jahren ist die Sendung ein Publikumshit und in Zeiten von sinkendenden Quoten und Reformdiskussionen eine Konstante im ORF. Wieso glauben Sie, dass das Format so erfolgreich ist?

Spira: Es ist nicht meine Aufgabe, mich selbst zu analysieren! Ich weiß nur, dass alle ganz gierig drauf sind. Also ich werde auf der Straße angesprochen, egal wo ich bin, wann das endlich kommt, weil die Leut’ die Sendung wieder sehen wollen. Interessant ist erstens das Thema: Wer sucht? Ist da vielleicht jemand für mich dabei, auch wenn’s nur platonisch ist? Man würde niemanden anschreiben, aber man schaut zu. Dann sind es verschiedene Schicksale, die Frage, ist der auch Witwer, weint er oder weint er nicht. Dann gibt es schräge Geschichten, wo man lachen kann. Es gibt die verschiedensten Motive, zuzuschauen.

Im Zuge der ORF-Diskussion wurde alles mögliche angedacht, was eingespart werden kann. Ihre Sendung ist nicht dabei.

Spira: Nein, ich habe nichts gehört!

Oder denken Sie gar schon an die Pension?

Spira: Ich hab’ überhaupt nichts dagegen, am Strand zu sitzen und mal zwei Monate nichts zu machen, also so ist es nicht. Solange es Spaß macht und solange die Leute mich wollen und der ORF mich will, würde ich mir ins eigene Fleisch schneiden. Und ich habe andere Ideen auch noch!


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