Überlebender: Viele Tote wären vermeidbar gewesen

Die Menschen an Bord der Costa Concordia hätten nicht gewusst, dass sich das Schiff unmittelbar vor der Insel Giglio befand.

Rom/Berlin - Die „Costa-Concordia“-Katastrophe mit 32 Toten wäre aus Sicht einiger Überlebender des Kreuzfahrtschiffunglücks vermeidbar gewesen. „Man hat den Menschen auf dem Schiff nicht gesagt, dass die Concordia unmittelbar an der Insel Giglio strandete und rettendes Land zum Greifen nahe war“, sagte Niels Czajor aus dem baden-württembergischen Singen der Nachrichtenagentur dpa.

Der heute 45-Jährige war mit seiner im sechsten Monat schwangeren Frau an Bord, als das Schiff im Jänner 2012 vor der toskanischen Insel Giglio kenterte. Es habe nur unzureichende Notfallübungen gegeben, fügte Czajor hinzu. Allerdings hätten sich auch Teile der Besatzung vorbildlich verhalten.

In Grossetto soll am Mittwoch (17. Juli) der Prozess gegen Kapitän Francesco Schettino fortgesetzt werden. Czajor ist Nebenkläger im Prozess gegen den Kapitän und wirft Schiffsführung und Reederei Versagen vor. Er sprach mit der Nachrichtenagentur dpa.

In Grosseto in der Toskana geht der Prozess gegen den Kapitän der „Costa Concordia“ weiter - was erhoffen Sie sich von der gerichtlichen Aufarbeitung?

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Antwort: Das Vertrauen in Costa ist erschüttert. Wir sind daran interessiert, über die Hintergründe aufgeklärt zu werden, auch um das Erlebte selbst verarbeiten zu können. Das Gros der tödlich Verunglückten wäre vermeidbar gewesen, wenn zügig und klar gehandelt worden wäre. Man hat den Menschen auf dem Schiff nicht gesagt, dass die „Concordia“ unmittelbar an der Insel Giglio strandete und rettendes Land zum Greifen nahe war. Es entstand Panik, weil die Menschen dachten, sie müssten 16 Kilometer in Richtung Festland schwimmen. Ich hoffe, dass das entsprechend aufgeklärt wird und sich die Verantwortung sowie das Versagen der Schiffsführung und Reederei im Urteil wiederfindet.

Das klingt recht rational, wünschen Sie sich auch Rache?

Antwort: Es bringt ja nichts, sich in Wut und Raserei hineinzusteigern. Katastrophen passieren, aber entscheidend ist, dass Gerichte und Regierungsorganisationen auf internationaler Ebene versuchen, solche Unglücke konsequent zu vermeiden. Wenn solche Dinge passieren, müssen die Verantwortlichen das Leben der Betroffenen schützen und lageangepasst handeln. Diese Aufgabe hat jeder Feuerwehrmann, jeder Polizist, Soldat und eben jeder Schiffskapitän. Selbst jeder Taxifahrer weiß um die Garantenpflicht! Und solche Szenarien müssen geübt werden. Ein Motor- oder ein Kabelbrand kann ja immer passieren, egal wie gut ein Schiff gewartet wird. Wir brauchen auch neue Sicherheitsstandards und internationale Missionen der Küstenwachen, die diese Maßnahmen an Bord und auf See überwachen. Dann wären riskante Verneigungsmanöver wie vor Giglio erst gar nicht passiert, die Navigationssysteme wären einsatzbereit gewesen und die Evakuierungen professionell abgelaufen.

Wie haben Sie denn während der Havarie die Besatzung wahrgenommen?

Antwort: Einerseits war sicher nicht nur der Kapitän der alleinige Verantwortliche, es gab eine ganze Offizierscrew, die den Kapitän beriet und die Entscheidungen umsetzte. Andererseits sollten jetzt auch die Besatzungsmitglieder entlastet werden, die sich ohne Schonung des eigenen Lebens für die Passagiere eingesetzt haben. Es haben ja nicht alle das Schiff verlassen, sondern es standen sehr viele Schiffangehörige auf ihren Posten. Daher ist es wichtig, dass man diese Betroffene durch solch ein Verfahren „freispricht“ und ihnen emotional den Druck nimmt, denn die haben ihren Job vorbildlich gemacht. (dpa)


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