Zimmerman im Prozess um Tod von Trayvon Martin freigesprochen

Notwehr oder Rassismus? Monatelang sorgte der Prozess um den getöteten schwarzen Teenager Trayvon Martin für Aufsehen. Nun wurde der Angeklagte freigesprochen.

Sanford - Im spektakulären US-Prozess um den erschossenen schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin ist der Todesschütze freigesprochen worden. Die Geschworenen in dem Verfahren in Sanford im US-Staat Florida befanden den Angeklagten George Zimmerman in allen Punkten für nicht schuldig. Im Falle einer Verurteilung hätte dem 29-Jährigen lebenslange Haft gedroht. In der Jury saßen sechs Frauen. Die Gerichtsentscheidung am späten Samstagabend (Ortszeit) löste heftige Proteste aus, aber auch Aufrufe zu Ruhe und Besonnenheit.

„Sie haben nichts weiter zu tun mit dem Gericht“

„Herr Zimmerman, ich habe das Urteil unterschrieben, das die Entscheidung der Jury bestätigt. Ihre Kaution wird aufgehoben. Ihre GPS-Überwachung wird abgeschaltet, wenn Sie den Gerichtssaal hier verlassen. Sie haben nichts weiter zu tun mit dem Gericht“, sagte die Richterin Deborah Nelson. Zimmerman zeigte kaum Reaktionen auf das Urteil. Die sechs Frauen in der Jury, fünf Weiße und eine Frau mit lateinamerikanischen Wurzeln, mussten einstimmig über Schuld oder Unschuld Zimmermans entscheiden. Bei einem Schuldspruch hätte dem 29-Jährigen, der ebenfalls Wurzeln in Lateinamerika hat, lebenslange Haft gedroht.

Die Tötung des mit einer Kapuzenjacke gekleideten Teenagers hatte in den USA und international für Schlagzeilen gesorgt. Große TV-Sender berichteten tagelang live aus dem Gerichtssaal. Immer wieder war in Medien von möglicherweise rassistischen Motiven die Rede: Zimmerman ist ein Latino und hatte den 17-jährigen Teenager im Februar 2012 erschossen, als er für eine Bürgerwehr auf Patrouille war. Zimmerman und seine Verteidiger beriefen sich auf Notwehr.

Die afroamerikanische Organisation NAACP verlangte weitere Ermittlungen. „Wir fordern das Justizministerium zu einer Untersuchung über die Verletzung der Bürgerrechte von Trayvon Martin auf“, teilte die NAACP mit.

Trayvons Familie untröstlich

Der Anwalt der Familie Martin, Benjamin Crump, teilte mit, alle seien tief betrübt über die Gerichtsentscheidung. „Die Familie ist untröstlich.“ Zugleich bedankten sich die Eltern Sybrina Fulton und Tracy Martin bei allen Menschen rund um den Globus, die ihnen in den vergangenen 17 Monaten geholfen hätten - „bei allen, die ihre Kapuzenjacken anzogen, allen, die sagten: „Ich bin Trayvon““, so der Anwalt in einem Statement nach dem Urteil. Die Verteidigung zeigte sich erleichtert über den Freispruch. „Ich bin sehr, sehr glücklich mit dem Ergebnis“, sagte Anwalt Mark O‘Mara. Zugleich äußerten Verteidigung und Angehörige Zimmermans, sie fürchteten um dessen Sicherheit.

Martins Eltern bedankten sich für die Unterstützung der vergangenen Monate. „Auch wenn mein Herz gebrochen ist - mein Glaube bleibt unerschüttert, und ich werde mein Baby Tray immer lieben“, schrieb Vater Tracy Martin auf Twitter. Hunderte Demonstranten, die sich vor dem Gericht versammelt hatten, reagierten empört auf das Urteil, und riefen: „Keine Gerechtigkeit, kein Frieden“. Zudem gab es spontane Protestmärsche in den Metropolen San Francisco, Philadelphia, Chicago, Atlanta und in der Hauptstadt Washington, wie US-Medien berichteten.

Bürgerrechtler Al Sharpton nannte das Urteil auf Facebook „eine Ohrfeige für das amerikanische Volk“. In Sanford waren aus Sorge um mögliche Gewaltausbrüche hunderte Polizisten im Einsatz. Der bekannte Bürgerrechtler Jesse Jackson rief auf Twitter dazu auf, „in dieser Zeit der Verzweiflung“ friedlich zu bleiben.

Todesdrohungen

„Er wird sich für den Rest seines Lebens vorsehen müssen“, sagte Bruder Robert Zimmerman. „Ich denke, er hat mehr Grund denn je zu denken, dass Menschen ihn töten wollen, denn das äußern sie immer wieder, jeden Tag, auf meinem Twitter-Feed im Internet“, sagte Robert Zimmerman CNN. George Zimmerman hatte einem Bericht der „New York Times“ zufolge schon in den vergangenen Monaten die Öffentlichkeit gemieden und außerhalb des Gerichtssaals eine kugelsichere Weste getragen.

Beide Seiten riefen zu Ruhe und Besonnenheit auf. Ähnliche Appelle lancierten mehrere Organisationen schon im Vorfeld der Entscheidung.

Amerikanische Prominente wie die Schauspielerin Mia Farrow und Sportstars reagierten geschockt. „Wow!!! Fassungslos! Traurig als Vater!!!“, twitterte Dwyane Wade vom NBA-Meister Miami Heat. Spieler der Basketballmannschaft hatten bereits im März 2012 mit einer Fotoaktion Familie Martin Mut gemacht. Tief verhüllt in Kapuzenpullis hatten sie ein Bild von sich im Internet verbreitet.

Auf einem Patrouillengang zur Waffe gegriffen

Zimmerman, Mitglied einer Bürgerwehr, hatte den 17-jährigen Martin im Februar 2012 auf einem Patrouillengang in Sanford erschossen, nachdem es in der Gemeinde eine Reihe von Einbrüchen gegeben hatte. Der Jugendliche war unbewaffnet. Zimmerman beteuert, dass Martin ihn zuerst attackiert habe. Der Fall sorgte in den USA für großes Aufsehen, da der Verdacht bestand, dass bei der Tat und beim Umgang der Polizei mit dem Fall Rassismus eine Rolle spielte.

Die Polizei hatte Zimmerman nach dem Vorfall zunächst laufen lassen und berief sich auf ein Gesetz, das Bürgern in Florida ein besonders ausgeprägtes Recht auf Selbstverteidigung mit Schusswaffen einräumt. Martins Eltern warfen den Behörden vor, nicht angemessen ermittelt zu haben, weil ihr Sohn schwarz war. Zehntausende Demonstranten forderten Gerechtigkeit für Trayvon Martin. US-Präsident Barack Obama hatte sich ebenfalls in die Debatte eingeschaltet und gesagt: „Wenn ich einen Sohn hätte, sähe er Trayvon ähnlich.“

Zimmerman stritt ab, Martin bewusst wegen seiner Hautfarbe ins Visier genommen zu haben. Die Verteidigung argumentierte, Zimmerman habe in Notwehr gehandelt, als Martin ihn niedergerungen und begonnen habe, seinen Kopf auf den Boden zu schlagen. Offenbar glaubten die Geschworenen dieser Darstellung. (APA/dpa/AFP)


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