Ötztalerisches, an dem ein blutendes Herz klebt

Die heurige Sommerausstellung im Turmmuseum Oetz zeigt, was sein Gründer Hans Jäger ein Leben lang mit viel „Herzblut“ gesammelt hat.

Von Edith Schlocker

Oetz –Vor gut einem Jahr ist Hans Jäger gestorben und mit ihm der Geist und das Herz des von ihm gegründeten Turmmuseums. Was offensichtlich trotz allen Engagements auch die Verwalter seines Nachlasses deutlich spüren, was sich nicht zuletzt im zweideutigen Titel der von Petra Streng kuratierten heurigen Sommerausstellung niederschlägt, die „Herzblut“ heißt.

Sie ist nicht nur unter dem Dach eingerichtet, sondern infiltriert das gesamte Haus. Jeweils kenntlich gemacht durch ein kleines blutendes Herz. Ein solches klebt etwa am Bildnis eines kleinen Mädchens, das von einem unbekannten Wiener Künstler um 1820 gemalt worden ist. Das voller Liebreiz ganz in biedermeierlicher Manier komponierte kleine Porträt war das absolute Lieblingsbild Hans Jägers. Und das, obwohl es so überhaupt nichts mit dem Ötztal zu tun hat.

Hat Jäger doch ein Leben lang in erster Linie das gesammelt, was mit seiner Heimat in irgendeiner Weise zusammenhängt. Und die kleine Wienerin kann im besten Fall im Ötztal geurlaubt haben. Was durchaus möglich wäre, waren die Alpen im 19. Jahrhundert für Großstädter doch ein beliebtes Ziel sommerlicher Erfrischung. Im Einklang mit der Natur, mit Respekt vor der bäuerlichen Kultur, was – im Gegensatz zum Massentourismus von heute – ganz im Sinne Jägers war.

Eines der in acht Kapitel geteilten Sonderausstellung ist auch dem Thema Tourismus gewidmet. Bestückt genauso mit nicht wirklich gut von Sommerfrischlern gemalten Landschaften oder einer witzig jugendstiligen Federzeichnung, die zeigt, was eine feine Dame um 1900 beim Wandern angehabt hat.

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So kritisch Hans Jäger auch seiner Heimat gegenüberstand, so sehr hat er sie geliebt. Um wenigstens in Bildern in Erinnerung zu behalten, wie sein Ötztal gestern ausgeschaut hat. Denn die meisten der von renommierten wie anonymen Künstlern gemalten Bauernhäuser gibt es so jedenfalls nicht mehr und selbst die Gletscher sind nicht mehr das, was sie früher einmal waren. Vertrieben sind von ihnen jedenfalls die geheimnisvollen saligen Fräulein. Ob Karl Mediz das von ihm 1905 gemalte wirklich gesehen hat, ist eine andere Frage. In seiner irdischen Entrücktheit kam es jedenfalls Hans Jägers Idealbild des Weiblichen sehr nahe.

So manches Hühnchen hatte Hans Jäger auch mit der Amtskirche zu rupfen, die Objekte naiver Volksfrömmigkeit hatten es ihm dafür umso mehr angetan. Und so klebt „Herzblut“ an einem schön geschnitzten und bemalten Grabkreuz aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genauso wie an hochkarätigen oder skurrilen Heiligenbildern. Viele andere Objekte zeigen, wie die Ötztaler gestern gelebt haben: ihre Tracht, ihre Feste, ihre Arbeit.

Viel Herzblut hat Hans Jäger, der trotz viel Fernwehs ein Leben lang im Ötztal geblieben ist, dem aus Sautens stammenden barocken Bildhauer Bernhard Braun gewidmet, der es geschafft hat, in Prag zum gefeierten Künstler zu werden. Für das Ötztal hat Jäger ihn wiederentdeckt und ihm in „seinem“ Turmmuseum eine permanente Bleibe eingerichtet.


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