Lebhafte Handelshäfen an der Seidenstraße

Singapur und Malakka verbindet eine lange Tradition des Handels. Diese Offenheit und der multikulturelle Charakter prägen auch heute noch das Erscheinungsbild der beiden Städte.

Von Christian J. Winder

Singapur –Mit der Seidenstraße lässt sich gleich Marco Polo verbinden, seine beschwerliche Reise am Landweg von Italien bis an den Hof des Kaisers von China gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Weniger bekannt ist die Schifffahrtsroute für die edlen Handelswaren – neben Seide waren vor allem Gewürze in Arabien und Europa gefragt – von China aus durch Südostasien bis nach Hormus, Aden und Jidda. Dominiert wurde der Seeweg von den Chinesen, die Anfang des 15. Jahrhunderts die stärkste Seemacht der Welt stellten. Ihre Schiffe dominierten die Handelsrouten, an denen Singapur und Malakka wichtige Stationen waren.

Im Maritime Experimental Museum von Singapur (mit dem größten Aquarium der Welt) wurde dieser Seefahrts­tradition und ihrem prominentesten Vertreter, Admiral Zheng He, ein eindrucksvolles und vor allem anschauliches Denkmal gesetzt. Mit einer Flotte von Hunderten Schiffen, insgesamt waren 28.000 Mann an Deck, erkundete Zheng für seinen Kaiser die Weltmeere, reiste bis an die Ostküste Afrikas und wohl auch über den Pazifik bis nach Lateinamerika.

Dabei waren die achtmastigen „Schatzschiffe“ gut drei- bis viermal so groß wie die „Santa Maria“, mit der Christoph Kolumbus den Seeweg nach Indien suchte und in Amerika landete. China zog sich auf das Mutterland zurück, die Flotte wurde nicht weiter betrieben – und an die Stelle der Chinesen traten über die Jahrzehnte die Europäer, die entlang der maritimen Seidenstraße Handelsniederlassungen errichteten.

Malakka, an der gleichnamigen Meeresstraße gelegen und heute Hauptstadt des drittkleinsten Teilstaates von Malaysia, hat eine bewegte Geschichte erlebt, die sich heute in den wohl bewahrten Bauwerken widerspiegelt: Als UNESCO-Weltkulturerbe wurde die Stadt ausgezeichnet, die um 1400 vom letzten Raja von Singapur gegründet wurde, als strategisch wichtiger natürlicher Hafen an der schmalsten Stelle der Straße von Malakka; gerade hundert Jahre später übernahmen die Portugiesen die Kontrolle über Bucht und Stadt, die sie durch eine Festung bewehrten, von der heute nur noch wenige Mauerreste und ein Tor erhalten sind. In der Geschichte der Stadt folgten die Holländer, die Malakka ihren Stempel aufdrückten, und schließlich die Briten, die Malakka im Tauschweg einhandelten und bis zur Unabhängigkeit hielten.

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Ein Rundgang durch die heutige Hafenstadt führt zu dem in Rottönen gehaltenen Platz, an dem die Christ Church und das Stadhuis stehen, die aus der niederländischen Zeit stammen, der ins Ensemble passende Turm davor ist allerdings aus der britischen Epoche. Auf der anderen Seite des Malakka-River eröffnet sich der historische Kern der Stadt mit den typischen Kaufmannshäusern, ebenerdig das Geschäft, im ersten Stock die Wohnräume. Schon tagsüber herrscht hier lebhaftes Treiben, an den Abenden freitags und samstags jedoch, wenn der Autoverkehr ausgesperrt wird, drängen sich Kauflustige entlang der Läden und Stände, kosten an den Garküchen und lassen sich von der Menschenmenge durch die Jonker-Street treiben. Ein vitales Kulturerbe der Handelszeit. Apropos Weltkulturerbe: Das wird besonders ernst genommen, denn in der gekennzeichneten Zone ist das Rauchen (auch auf der Straße) streng verboten!

Gute drei Stunden dauert die Busfahrt – über eine großzügige Autobahn und quer durch endlos erscheinende Palmenplantagen – von Malakka zu ihrer großen Schwester Singapur, das große Tor zu Südostasien. Der Stadtstaat liegt auf einer Insel, mit Malaysia durch Brücken verbunden und erst nach rigorosen Grenzkontrollen erreichbar. Ihre Lage an der Südspitze der malaiischen Halbinsel gab Singapur in der Geschichte einen strategischen Platz, wichtige Schifffahrtsrouten konnten hier kontrolliert werden – auch Piraten nutzen diesen Standort. Unter den Europäern waren es die Engländer, die in der Löwenstadt (so der Stadtname aus dem Sanskrit übertragen) einen Handelsposten gründeten – nicht als kriegerische Eroberer, sondern gegen hartes Geld, das der Sultan von Johor von der Ostindischen Handelskompanie erhielt.

Für diese war Thomas Stamford Raffles vor Ort und setzte seinen Traum von einem blühenden Handelsplatz energisch in die Tat um – seine Spuren sind heute prominent in Singapur zu finden: Das „Raffles“ ist eines der vornehmsten Hotels (alleine schon einen Cocktail genießen, ist ein Erlebnis!), Krankenhaus, Einkaufspassagen, Straßen und Plätze führen seinen Namen und seine Statue überblickt stolz seine Stadt. In Singapur hat sich die Offenheit der vom Handel geprägten Geschichte bewahrt: Neben einem Hindutempel findet sich ums Eck eine Moschee, in Sichtweite eine christliche Kirche und nicht weit davon ein buddhistischer Tempel. Ebenso bunt erscheint die Bevölkerung und dass Tamil, Malaiisch, Chinesisch und Englisch Amtssprachen sind, zeigt dies deutlich.

Little India, Little China, das arabische Viertel, die Shopping-Meile Orchard Road, der Finanzdistrikt mit den Tempeln der Geldindustrie – die Vielfalt des Angebots ist gewaltig, die Entscheidung zur Auswahl ein Gebot. Ein, zwei Tage fürs Eintauchen in die Einkaufswelten sind jedenfalls reserviert – und unterschiedlicher könnte das Erlebnis nicht sein: Dem dichten Treiben des arabischen Basars oder einem Rundgang durch die Garküchen im chinesischen Viertel mit den vielfältigen Wohlgerüchen steht die Eleganz der Einkaufstempel in Orchard Road gegenüber, kein Luxuslabel, das nicht an dieser Meile vertreten wäre.

Auf Land, das dem Meer abgerungen wurde – seit 1960 ist Singapur von rund 500 auf über 700 km² gewachsen – wurde Marina Bay errichtet: Der dreitürmige Hotelkomplex mit dem bootsförmigen Deck prägt das Stadtbild; und ein Besuch der Bar am Abend vermittelt einen überwältigenden Blick auf die Stadt. Rund um dieses Gebäude erstreckt sich der weitläufige Bay Garden, in zwei gewaltigen Kuppeln wurden Klimazonen für Pflanzenwelten geschaffen und futuristische Baum-Konstrukte sollen für die autarke Energieversorgung der Gartenwelt sorgen.

Malakka und Singapur tragen ihr historisches Erbe und entwickeln es, jede auf ihre Art, weiter – auch, um es Besuchern zu zeigen.


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