Zusammenhalt bröckelt: Österreich hat Probleme mit der Vielfalt

Prinzipiell liegt Österreich seit 1989 kontinuierlich im oberen Mittelfeld. Doch die Probleme beim Zusammenleben werden mehr.

Wien - In den skandinavischen Ländern ist der gesellschaftliche Zusammenhalt am stärksten. Das ergab eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Österreich liegt im Mittelfeld der 34 untersuchten Länder auf Platz 13. Problematisch ist hierzulande der Umgang mit Diversitäten. International gesehen mangelhaft ist der Zusammenhalt besonders in den baltischen Staaten Litauen und Lettland sowie in den südosteuropäischen Ländern Bulgarien, Griechenland und Rumänien welche die Schlusslichter im Ländervergleich bilden.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist definiert als Qualität des gemeinschaftlichen Miteinanders. Ein Forscherteam der Universität Bremen hat die Entwicklung von 1989 bis heute in allen EU-Staaten (vor dem Beitritt Kroatiens) sowie in den OECD-Nationen Australien, Israel, Kanada, Neuseeland, Norwegen, Schweiz und den USA untersucht.

Als gute Rahmenbedingungen für einen starken Zusammenhalt nannten die Wissenschafter vor allem Wohlstand, eine ausgeglichene Einkommensverteilung und der Aspekt des technologischen Fortschritts hin zur Wissensgesellschaft. Für Globalisierung und Einwanderung hingegen gibt es keinen statistisch belegbaren negativen Einfluss auf den Zusammenhalt eines Landes, so ein Fazit der Untersuchung.

„Moderne Gesellschaften beruhen nicht auf Solidarität, die aus Ähnlichkeit erwächst, sondern auf Solidarität, die auf Verschiedenheit und gegenseitiger Abhängigkeit fußt“, erklärte Stephan Vopel, Programmleiter der Bertelsmann Stiftung. „Deshalb benötigen moderne Gesellschaften einen inklusiven gesellschaftlichen Zusammenhalt, der die Pluralität der Lebensentwürfe und Identitäten nicht nur als gegeben hinnimmt, sondern als Stärke zu begreifen sucht.“

Österreicher halten gern an Regeln fest

Prinzipiell liegt Österreich seit 1989 kontinuierlich im oberen Mittelfeld der untersuchten Länder. Laut den Autoren ist hierzulande eine besondere Stärke, dass soziale Regeln anerkannt werden. Lange war Österreich auch in der Spitzengruppe bezüglich Solidarität und Hilfsbereitschaft. Hier fiel es im letzten Erhebungszeitraum 2009 bis 2012 jedoch ins obere Mittelfeld zurück. Langfristig haben sich soziale Vernetzung und deren Teilhabe am politischen und gesellschaftlichen Leben positiv entwickelt, so die Autoren. Hier rangierte Österreich bis 1995 noch im unteren Mittelfeld, gehört heute jedoch zum oberen Mittelfeld. Einen positiven Trend gab es auch bei Gerechtigkeitsempfinden.

Ständige Diskussionen über Integration

Besorgniserregend ist für die Forscher der schwache Umgang mit Diversitäten in Österreich. Dazu gehört die Tolerierung von Minderheiten und deren Lebensstil, wie beispielsweise von Einwanderern oder Homosexuellen. Österreich rangiert in dieser Kategorie lediglich im unteren Mittelfeld, ebenso wie die Nachbarländer Schweiz und Deutschland. In allen drei Ländern gibt es kontinuierlich Diskussionen über Integration von Migranten. „Insbesondere vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft benötigt Österreich die Einwanderung von Fachkräften aus dem Ausland“, resultierten die Studienautoren. Denn der Vergleich mit anderen Einwanderungsländern zeigt, dass ein hoher Anteil an Migranten kein Hindernis für starken Zusammenhalt ist. Vielmehr belastet die fehlende Akzeptanz von Vielfalt das Zusammenleben.

Worauf die Studie gründet:

Das Gesamtergebnis der Untersuchung setzt sich aus den Ergebnissen von drei Teilbereichen - soziale Beziehungen, Verbundenheit und Gemeinwohlorientierung - zusammen. Diese wurden in insgesamt neun Dimensionen aufgeteilt: Soziale Netze, Vertrauen in Mitmenschen, Akzeptanz von Diversitäten, Identifikation, Vertrauen in Institutionen, Gerechtigkeitsempfinden, Solidarität und Hilfsbereitschaft, Anerkennung sozialer Regeln sowie gesellschaftliche Teilhabe. Basis der Arbeit „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ sind international vergleichende Befragungsstudien und Experteneinschätzungen. (APA)


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