„Ich war ein Schwabenkind“

Tondokumente mit authentischen Schilderungen ehemaliger Schwabenkinder aus dem Bezirk Landeck geben Einblick in bitterarme Zeiten.

Von Helmut Wenzel

Landeck –„Schon als Siebenjähriger habe ich als Hüterbub im Schwabenland funktioniert.“ Das sagte Josef Althaler aus Serfaus (1888 bis 1969) als 79-Jähriger in einem Tonband-Interview. Dieses und weitere Tondokumente hat der Bezirksmuseumsverein Landeck im Zuge eines EU-Projekts zusammengetragen.

Offiziell mussten die Kinder mindestens elf Jahre sein, um bei den schwäbischen Bauern arbeiten zu dürfen. Der 1892 in Schnann gegründete Hütkinderverein wachte über diese Bestimmung.

„Dann gehst halt in Gottes Namen“, hat die Mutter beim Abschied des Buben Ende März 1899 gesagt. Zu Fuß ging es von Serfaus nach Prutz. „Da war ich mit meinem Sack auf dem Rücken schon müde“, schildert Althaler. Zwei Kooperatoren, namens Schöpf und Gaim, waren für den Hütkinderverein tätig. „Sie haben für uns ein Pferdegespann mit Leiterwagen organisiert, wir konnten ein Stück des Weges bis Landeck aufsitzen.“ Im Gasthof Sonne war laut Althaler eine Sammelstelle für Schabenkinder. „Da haben wir eine Suppe bekommen und man hat uns ein Vereinszeichen angehängt.“ Gegen 23 Uhr sind die Kinder am Landecker Bahnhof „einwaggoniert“ und mit dem Zug nach Bregenz und per Schiff weiter nach Friedrichshafen gebracht worden. Dort kam ein Bauer auf den Buben zu: „Ich brauche einen tüchtigen Tiroler.“ Der Bauer nahm drei weitere Kinder zu seinem Hof mit.

„Er wird uns jetzt die Arbeit zeigen, hat er uns am nächsten Tag nach dem guten Frühstück gesagt“, erzählt Althaler. „Wir sind in den Stall zu den Zugstieren und Jungstieren gekommen. Angrenzend war noch ein Stall mit zwölf Pferden. In der Früh wird es vor dem Tag Alarm geben, dann müsst ihr schnell aufstehen, anziehen, in den Stall gehen und fest arbeiten.“ Er sehe es gern, wenn den ganzen Tag fest gearbeitet werde. „Bei schönem Wetter hat die Arbeit um 4 Uhr in der Früh begonnen, bei Regen etwas später. Aber bis sechs Uhr mussten die Tiere gefüttert sein. Dann wurden sie für die Feldarbeit eingespannt. Mist wurde gestreut, die Äcker sind mit dem Pflug umgefahren worden.“

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Gegen 18 Uhr sind die Tiere „ausgespannt“ und in den Stall gebracht worden. „Dann gab es für uns eine Jause, ein gutes Brot und Most. Danach mussten wir die Tiere füttern und abbürsten, bis halb 10 oder 10 Uhr in der Nacht.“ Beim Schlafengehen habe der Bauer den Kindern gesagt: „Vergesst ja nicht, in der Früh aufzustehen.“ Sonst komme er mit dem „Hagenschwanz“, einem Züchtigungsinstrument.

Der Schlafmangel sei sehr groß gewesen, sagt Althaler an mehreren Stellen. Sonntags um 10 Uhr ist den Kindern der Gottesdienstbesuch und nachmittags „Christenlehre“ in der Kirche angeordnet worden. Dort sind die Kinder wegen Übermüdung auch eingeschlafen. Die Saison dauerte von Ende März bis kurz vor Allerheiligen. 70 Mark Lohn habe er am Abschiedstag bekommen, fünf Mark wurden dem Buben in Friedrichshafen „von den Vereinsherren“ abgeknöpft. Mit einer 200-köpfigen Kindergruppe habe er die Heimreise nach Serfaus angetreten. Dem Vater habe er die 65 Mark auf den Tisch gelegt, der damit einen Acker kaufen konnte.

Weitere Tondokumente gibt es von den Schwabenkindern Peter Hainz aus Fließ und Hermann Mangott aus Spiss bzw. Serfaus. Im Bezirk Land­eck koordiniert regioL das mit 84.000 Euro budgetierte Interreg-Projekt „Der Weg der Schwabenkinder“. Partner sind der Bezirksmuseumsverein Landeck, Museum St. Anton, Alpinarium Galtür, Kunstraum Pettneu und das Vintschger Museum.


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