Der Bessere ist des Guten Bruder

Der 300 PS starke GTI-Schreck kommt aus den eigenen Reihen: VW lotet seinen Zweiliter-Vierzylinder-Turbobenziner aus und spannt ihn im neuen Golf R mit vollvariablem Allradantrieb zusammen.

Das R-Logo im Kühlergrill symbolisiert den stärksten Serien-Golf, vier Auspuffendrohre und abgedunkelte Rückleuchten sind weitere Kennzeichen. Im Innenraum sind Edelstahl und Leder zu finden.Fotos: Hersteller

Von Markus Höscheler

Wolfsburg –Der Zeitpunkt erschien günstig, aber nicht günstig genug: Am Montag kam das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel auf den Markt mit einer Titelgeschichte über den VW-Konzern – abgebildet war ein entfremdeter Golf GTI, dessen Kühlergrill breiten Raum für scharfe Haifischzähne bot. Hätten die Magazinmacher noch eine Woche gewartet, hätten sie mit einem noch aggressiveren Kompaktfahrzeug das Vorhaben der Wolfsburger illustrieren können, Nummer eins auf dem Weltmarkt zu werden. Denn nur einen Tag später stellte die für Veredelung zuständige VW-Tochter R GmbH den Golf R in einer Werkstatt unweit der Autostadt vor. Der, das ist sicher, kauft sogar den Fahrern der neuesten GTI-Generation (220 bis 230 PS) den Schneid ab.

Das liegt vorrangig daran, dass die zuständigen Ingenieure den Basismotor EA888, einen Zweiliter-Vierzylinder-Turbobenziner mit Direkteinspritzung, noch einmal aufs Äußerste ausreizen. Dank einiger Maßnahmen – variable Ventilsteuerung mit doppelter Nockenwellenverstellung, auslassseitige Ventilhubverstellung, vollelektronische Kühlmittelregulierung, duales Einspritzsystem – leistet der Ottomotor 300 PS und entwickelt ein Nenndrehmoment von 380 Newtonmetern bereits ab 1800 Umdrehungen/Minute. Das Aggregat hält das hohe Niveau bis 5500 Touren. Entsprechend glaubwürdig sind die Tempodaten, die VW-Markenvorstand Heinz-Jakob Neußer und R-GmbH-Geschäftsführer Ulrich Riestenpatt-Richter preisgeben: In Verbindung mit einer Sechsgang-Schaltbox beschleunigt der immerhin 1476 kg schwere Golf R in 5,1 Sekunden von null auf 100 km/h. Wählt der Kunde das Sechsgang-Direktschaltgetriebe (DSG), eine automatisierte Doppelkupplung, dann spart der firmeneigene GTI-Schreck weitere zwei Zehntelsekunden ein beim Sprint vom Stand aus Richtung Landstraßentempolimit. Der Normverbrauch liegt bei 6,9 bis 7,1 Litern Treibstoff je 100 Kilometer (159 bis 166 g CO2-Ausstoß je Kilometer).

Erst bei 250 km/h bändigt die Elektronik den Vorwärtsdrang des gegenüber der Basis um 20 Millimeter abgesenkten Golf R ein. Wobei die Längsbeschleunigung nicht seine einzige Stärke ist; auch scharfe Richtungswechsel dürften dem Kompaktsportler gut liegen. Serienmäßig bestückt ihn die R GmbH mit dem Allradantrieb 4Motion, und zwar mit der fünften Generation der Haldexkupplung. Diese zeichnet sich durch rasche Reaktion und vollvariable Drehmomentverteilung (auf die Achsen bezogen) aus. Selbst wenn hier die Traktionsgrenzen erreicht sind, ist der Fahrspaß nicht zu Ende: Das elektronische Sperrdifferenzial XDS+ kann bei Bedarf die kurveninneren Räder abbremsen, um das Einlenkverhalten noch einmal zu verbessern. Und erreicht der Golf R hier seine Grenzen, gibt es immer noch ein mehrstufiges elektronisches Stabilitätsprogramm ESC. Dieses vollständig zu deaktivieren ist möglich.

Den ersten Publikumskontakt mit dem Golf R organisiert Volkswagen ab 12. September auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt, auf den Markt kommt der Flitzer Ende 2013 als Drei- und Fünftürer. Der zu entrichtende Preis dürfte gegenüber dem Vorgänger (ab 43.590 Euro) in Anbetracht der Leistungssteigerung und des technischen Fortschritts leicht zulegen.


Kommentieren