Obama zum Fall Trayvon Martin: „Das hätte ich sein können“

Überraschend äußerte sich der US-Präsident am Freitag bei der Presskonferenz. Er forderte auch eine Überprüfung des umstrittenen Notwehrgesetzes in Florida. Für Samstag wurden Demonstrationen angekündigt.

Washington – Knapp eine Woche nach dem Prozess um den getöteten schwarzen Teenager Trayvon Martin hat sich US-Präsident Barack Obama überraschend zu dem Fall geäußert. Afroamerikaner erfülle der umstrittene Freispruch des Todesschützen George Zimmerman auch deshalb mit Schmerz, weil sie selbst eine „Reihe von Erfahrungen“ gemacht hätten, sagte Obama am Freitag im Weißen Haus.

Schwarze Männer in den USA seien es gewohnt, dass man sich vor ihnen fürchte, sagte der erste dunkelhäutige Präsident der Vereinigten Staaten. Nur wenige Afroamerikaner hätten noch nicht selbst erlebt, dass Frauen nervös ihre Handtasche umklammerten und die Luft anhielten, wenn ein Schwarzer in der Nähe sei. Vor seiner Wahl zum Senator des US-Staats Illinois habe Obama selbst erlebt, wie Autofahrer in seiner Nähe ihre Türen verriegelten. Schwarze Buben würden häufig über einen Kamm geschoren.

Überraschender Auftritt

Den Angehörigen Trayvon Martins, der im Februar 2012 in einer Auseinandersetzung erschossen wurde, drückte Obama sein Mitgefühl und das seiner Frau Michelle aus. „Das hätte ich vor 35 Jahren sein können“, sagte Obama.

Obama erschien am Freitag überraschend zu der täglichen Pressekonferenz im Weißen Haus und nahm dort erstmals seit dem Freispruch des Nachbarschaftswächters George Zimmerman am vergangenen Wochenende vor der Kamera zu dem Fall Stellung. Bisher hatte der Präsident nur eine schriftliche Erklärung herausgegeben, in der er dazu aufrief, die Entscheidung der Justiz zu akzeptieren.

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Umstrittener Freispruch

Zimmerman hatte am 26. Februar 2012 den 17-jährigen Martin in der Stadt Sanford in Florida erschossen. Offenbar hielt er den unbewaffneten Teenager für einen Einbrecher. Ein Geschworenengericht glaubte seiner Version, dass der Jugendliche ihn zuerst attackiert und er in Notwehr gehandelt habe.

Der Fall hatte hohe Wellen geschlagen, weil auch Rassismus im Spiel gewesen sein soll. Außerdem warf er ein Schlaglicht auf das „Stand your Ground“-Gesetz („Weiche nicht zurück“), das Menschen in Florida ein weitreichendes Recht zur Selbstverteidigung einräumt. Ähnliche Regelungen gelten auch in etwa 30 weiteren Bundesstaaten.

Obama fordert Überprüfung der Gesetze

Obama forderte am Freitag eine Überprüfung der umstrittenen Gesetze. Der Präsident warf die Frage auf, ob Martin umgekehrt ebenfalls freigesprochen worden wäre, wenn er sich von Zimmerman bedroht gefühlt und diesen getötet hätte. „Und wenn die Antwort darauf nur ein bisschen unklar ist, dann scheint mir, dass wir diese Art Gesetze überdenken müssen“, sagte Obama.

Den Angehörigen Trayvon Martins, der im Februar 2012 in einer Auseinandersetzung erschossen wurde, drückte Obama sein Mitgefühl und das seiner Frau Michelle aus. „Ich kann mir nur vorstellen, was sie gerade durchmachen, und es ist bemerkenswert, wie sie damit umgegangen sind.“ Über den getöteten Teenager sagte er: „Das hätte ich vor 35 Jahren sein können.“ Der umstrittene Prozess sei aber professionell abgelaufen und an dem Urteil sei nicht zu rütteln.

Proteste für Samstag angekündigt

Für Samstag waren in mehreren US-Städten Proteste angekündigt. Bürgerrechtler wollen die Regierung dazu bewegen, den Fall als Zivilprozess neu aufzurollen. Die Bürgerrechtsbewegung „National Action Network“ (NAN) unter dem schwarzen Bürgerrechtler Al Sharpton kündigte an, in 100 US-Städten zu demonstrieren. Martins Mutter Sybrina Fulton und sein Bruder Jahvaris Fulton wollen in New York mit Sharpton auf die Straße gehen. Sein Vater Tracy Martin wurde in Florida erwartet.

Der ranghöchste Afroamerikaner in der US-Regierung nach Obama, Justizminister Eric Holder, hatte zuvor gesagt, seit dem Tod Martins auch Angst um seinen eigenen Sohn zu haben.

Das Urteil aus Florida ist endgültig, da die Staatsanwaltschaft im US-Strafrecht gegen einen Freispruch durch Geschworene keine Rechtsmittel einlegen kann. Daher hoffen die Kritiker der Entscheidung nun darauf, dass Zimmerman vor einem Bundesgericht ein neuer Prozess gemacht wird. Experten sind aber skeptisch, dass dem Nachbarschaftswächter eine Straftat nach Bundesrecht wie eine Verletzung von Bürgerrechten oder ein Hassverbrechen nachzuweisen ist. (APA/dpa/AFP)


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