Nicht ohne mein Handy

„Phubbing“ nennt sich das Phänomen, bei dem Menschen nur noch auf ihr Handy starren. „Das kann gefährlich werden“, sagt Psychologe Mario Lehenbauer.

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Da wird der Partner überflüssig: Viele Menschen schauen lieber auf ihr Handy, als sich zu unterhalten.Foto: Thinkstock
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Von Miriam Hotter

Innsbruck –Eigentlich hätte es ein romantischer Abend zu zweit werden sollen: Man sitzt zusammen im Restaurant, isst, trinkt, lacht. Die Stimmung ist ausgelassen und die Unterhaltung läuft – bis einer sein Smartphone zückt und nachschaut, was bei „WhatsApp“ und „Facebook“ los ist. Dieses unhöfliche Verhalten hat auch einen Namen: „Phubbing“. Das Kunstwort leitet sich vom Englischen „snubbing“ (vor den Kopf stoßen) und „phone“ (Telefon) ab.

Der Australier Alex Haigh hat die Nase voll davon. Der Student aus Melbourne hat deshalb die Website stop­phubbing.com ins Leben gerufen. Dort stoßt man auf allerhand kuriose Statistiken. Ein Beispiel: 97 Prozent behaupten, ihr Essen würde schlechter schmecken, wenn sie Opfer von „Phubbing“ werden. Außerdem gibt es eine Liste von Städten, in denen das Verhalten am meisten praktiziert wird. Demnach steht New York ganz oben auf der „Phubbing“-Skala, gefolgt von Los Angeles, Paris und London. Quellenangaben und Informationen zur Statistikerhebung gibt es aber keine.

Auch hierzulande kennt man „Phubber“. Für den klinischen Psychologen Mario Lehenbauer aus Wien gibt es zwei Gründe, warum das Handy dem Gesprächspartner bevorzugt wird. Erstens – und jetzt kommt ein neues Kunstwort – würden die Betroffenen unter „Nomophobia“ leiden. Das Wort ist eine Abkürzung für „No-Mobile-Phone-Phobia“ und bedeutet übersetzt „Kein-Mobiltelefon-Angst“. „Es beschreibt die Angst, etwas zu verpassen und nicht mehr Teil der Welt zu sein“, erklärt der 35-Jährige. Die Möglichkeit, nicht zu wissen, was bei Freunden oder in der Familie los ist, würde „Phubber“ verunsichern. „Das ist die erste Erklärung.“

Die zweite ist simpel: „Das Gespräch ist langweilig.“ Um sich die Zeit zu vertreiben, greift man zu seinem Handy und surft im Internet, checkt seine E-Mails oder schreibt eine SMS. „Wir sind es gewohnt, von Reizen überflutet zu werden. Langeweile tritt schneller auf als in der Vergangenheit, als es noch kein mobiles Internet gab“, nennt Lehenbauer den Grund. Heutzutage habe man jederzeit, an jedem Ort die Möglichkeit, im Netz unterwegs zu sein.

Die Folgen? „Die Kommunikation geht verloren. Das kann gefährlich werden“, weiß Lehenbauer. Vor allem dann, wenn es um Beziehungen geht. „Wenn einer immer nachfragen muss ,Hast du gehört, was ich gesagt habe?’, dann bekommt man das Gefühl, nicht mehr wichtig zu sein.“ In diesem Fall bestehe die Gefahr, dass man sich verliert und sich irgendwann nichts mehr zu sagen hat.

Kein Wunder. „Eine amerikanische Studie zeigt, dass zehn Prozent der Amerikaner das Smartphone sogar während des Geschlechtsverkehrs benutzen, etwa um bei Facebook nachzuschauen.“

Bei den Österreichern sieht es nicht anders aus. Einer Erhebung von marketagent.com mit 1000 Befragten zufolge könnten heimische Handybesitzer eher eine Woche lang auf Sex verzichten als auf ihr Handy. „Das ist schon wie eine Sucht“, sagt Lehenbauer.

Das Handy dürfe nicht wichtiger sein als der Partner, warnt er. Die Menschen müssten erst wieder lernen, dass es auch ohne Smartphone geht. „In einem Gespräch darf es Ruhepausen geben, das ist nichts Schlimmes, sondern völlig normal.“ Die meisten würden stille Momente aber als unangenehm empfinden.

Unangenehm wird es jetzt für viele, die einen Tipp von Lehenbauer beherzigen möchten. „Man sollte sich Auszeiten vereinbaren, damit das Handy die Interaktion nicht stört.“ Man könne das Handy während des gemeinsamen Fernsehabends oder beim Restaurantbesuch ausschalten oder es zumindest auf lautlos stellen.

Für die Jugendlichen, die der marketagent.com-Studie zufolge 90-mal am Tag auf ihr Handy schauen (bei 8 Stunden Schlaf bedeutet das alle 10 Minuten) kein Kinderspiel. „Sie müssen sich wieder klar werden, dass die Welt sich weiterdreht, auch wenn man nicht ständig erreichbar ist.“


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