Am Leben und doch tot

Säureattacken kennt man aus Pakistan, Bangladesch und dem Iran. Doch auch in Kolumbien kommen derartige Angriffe auf Frauen häufig vor. Die Opfer leiden furchtbare Qualen.

© EFE

Von Tatiana Rodríguez, dpa

Solche Schreckensbilder kennt man sonst aus Ländern wie Bangladesch oder Pakistan: Das Gesicht einer ehemals hübschen jungen Frau – von Säure entstellt. Viviana Hernández lebt in Kolumbien. Vor vier Jahren wurde der heute 29-Jährigen Säure ins Gesicht geschüttet. Ihr Ex-Mann hatte die Attacke in Auftrag gegeben.

Sie verbrachte 48 Tage auf der Intensivstation. Ihr linkes Auge konnte nicht gerettet werden. „Der Angriff zerstört dich auch seelisch“, sagt sie. In der Schule ihrer Kinder machen die Leute hinter ihrem Rücken Witze. „Und manchmal nennen sie dich ein Monster.“ In dem von Drogengewalt und Guerillakrieg gezeichneten südamerikanischen Land ist die Zahl von Säureangriffen auf Frauen in den vergangenen Jahren stark gestiegen. 2012 wurden nach Angaben des kolumbianischen Instituts für Rechtsmedizin 80 Fälle publik. 2010 waren es noch 55 gewesen. Viele Täter wurden wegen Körperverletzung angezeigt, zu Verurteilungen kam es wegen Mangels an Beweisen oder abgelaufenen gesetzlichen Fristen selten. Die Opfer leiden ihr Leben lang unter den Folgen. Im Juli trat nun ein Gesetz in Kraft, das solche Verbrechen mit bis zu 20 Jahren Gefängnis bestraft.

Vor 13 Jahren wurde Consuelo Córdova von ihrem damaligen Freund mit Schwefelsäure übergossen. Er war die „Liebe meines Lebens“, sagt die dunkelhäutige Frau. „Ich fragte ihn: ,Warum hast du mir das angetan, wenn ich dich doch so liebe?‘“, sagt sie unter Tränen. Sie musste mehr als 40 Operationen an Gesicht, Brust und Rücken über sich ergehen lassen. Die Schmerzen – auch die seelischen – waren furchtbar. Der Mann wurde nie bestraft.

Die Säure verursacht Verbrennungen dritten Grades, die Narben verschließen natürliche Falten sowie Augen, Nasenlöcher und Teile des Mundes, wie Patricia Gutiérrez vom Simón-Bolívar-Krankenhaus erklärt. Die aggressiven Chemikalien zerstören innerhalb weniger Sekunden die Konsistenz der Haut. Es seien viele Behandlungen notwendig. „Aber es wird nie wieder so wie vor dem Angriff“, sagt sie. Die meisten Opfer sind arm. Viele versuchen, sich erst mit Hausmitteln zu helfen, bevor sie Spezialisten aufsuchen. Ihre Reintegration in die Gesellschaft ist schwierig. „Viele Opfer fühlen sich wie lebende Tote und gehen oftmals nicht mehr nach draußen“, sagt die Psychologin Clara Ospina von einer Stiftung für Brandopfer in Bogotá. „Mit jedem Blick in den Spiegel werden sie an den Moment erinnert, der ihr Leben zu diesem täglichen Kampf gemacht hat.“

Säureangriffe auf Frauen sind aus asiatischen Ländern bekannt. Seit 2002 wurden etwa in Bangladesch mehr als 3000 Frauen mit Säure getötet oder entstellt, berichtet die Organisation Acid Survivors Foundation. In der Mehrzahl der Fälle war ein abgelehnter Heiratsantrag der Auslöser, gefolgt von Gewalt oder Missbrauch in der Ehe oder Familie. Kolumbien ist aber nach Angaben des Internetportals Feminicidio.net, gemessen an der Zahl der Einwohnerinnen, das Land mit den meisten Attacken. Die Opfer kommen aus allen Gesellschaftsschichten – sie sind Mütter, Studentinnen oder auch Prostituierte.

Angreifer ist zumeist der Partner, das Motiv Eifersucht. Aber es gab auch Fälle, in denen Schönheitsköniginnen von Konkurrentinnen attackiert wurden. Säure ist für umgerechnet weniger als vier Euro pro Liter zu haben.

Das Thema Säureangriffe sei unangenehm für viele Menschen, sagt Gutiérrez vom Simón-Bolívar-Krankenhaus. Aber es sei wichtig, das Bewusstsein dafür zu stärken und die Täter zu bestrafen: In einem besonders schockierenden Fall übergoss ein 54-Jähriger seine 19-jährige Frau mit einer Mischung aus Wasserstoff und Benzin und zündete sie an. Der Täter kam wegen eines Fristablaufs frei. Die junge Frau war 15 Tage nach der Attacke im Krankenhaus gestorben. 95 Prozent ihres Körpers waren verbrannt.


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