Finale im Politkrimi: Bo Xilai sieht sich als Opfer einer Liebesaffäre

Vor Gericht hat sich der gestürzte Politstar Bo Xilai in Chinas Prozesskrimi eine Attacke auf zwei Kronzeugen bis zum Schluss aufgespart. Das Prozessfinale bot aber noch mehr Überraschungen.

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Von Stephan Scheuer/dpa

Jinan – Am letzten Prozesstag lässt der einst mächtige Politfunktionär Bo Xilai die Bombe hochgehen: Die beiden Kronzeugen gegen ihn, seine Frau Gu Kailai und sein ehemals enger Vertrauter Wang Lijun, waren in einer heimlichen, engen Beziehung. Deswegen wolle der einstige Polizeichef Wang ihm eins auswischen. „Er war heimlich in Gu Kailai verliebt“, sagt der 64-jährige Bo am Montag laut Protokollen in seinem Abschlussstatement vor Gericht im ostchinesischen Jinan.

Ist der Skandal, der China seit mehr als einem Jahr in Atem hält, letztlich von einem frustrierten Liebhaber ins Rollen gebracht worden? Nach fünf Verhandlungstagen gibt es mehr Fragen als Antworten. Klar ist: Wang hatte in der Affäre eine Schlüsselrolle. Der korrupte „Super-Bulle“ Wang flüchtete Anfang vergangenen Jahres in ein US-Konsulat und berichtete, dass Gu Kailai den befreundeten Briten Neil Heywood mit Gift umgebracht hatte. Danach nahm der Skandal seinen Lauf. Gu wurde wegen Mordes zu einer Todesstrafe auf Bewährung verurteilt. Wang erhielt 15 Jahre Haft wegen Korruption, Fahnenflucht und Amtsmissbrauchs. Der inhaftierte Ex-Polizist Wang behauptet nun, dass Bo den Mord vertuschen wollte.

Zuspruch für Parteiführung

Für den einstigen Parteichef der 30-Millionen-Metropole Chongqing sind das unglaubwürdige Worte: „Er hat meine Familie und meine tiefsten Emotionen verletzt. Das waren die wirklichen Gründe für seine Flucht.“ Niemals würde er seine Macht missbrauche, um einen Mord zu decken. Auch die Korruptionsvorwürfe der Staatsanwaltschaft seien nicht stichhaltig. Die Villa in Frankreich, teure Auslandsflüge, verschwundene Millionen aus der Staatskasse: Wenn, sei seine Frau dafür verantwortlich. Er habe allenfalls seine Aufsicht als Ehemann und Parteichef verletzt, aber das seien nicht unbedingt Verbrechen.

Nach fünf Prozesstagen kann die Pekinger Führung viel Lob für sich verzeichnen. Die häppchenweise veröffentlichten Gesprächsprotokolle auf der Seite des Gerichtes im twitterähnlichen Kurzmitteilungsdienst Weibo brachten der Parteiführung viel Zuspruch. „Für mich ist das ein Zeichen für ein transparenteres Justizsystem“, sagt der Dozent der Pekinger Universität für Politik und Recht, Wu Danhong, der Nachrichtenagentur dpa. Der Pekinger Politikprofessor Zhang Ming bestätigte: „Das war sehr gut. Andere Verfahren laufen nicht so ab.“

Plädoyer der Anklage gelöscht

Am Montag passiert dem Gericht jedoch ein schwerer Fehler. Ein Protokoll mit dem Plädoyer der Anklage wird gelöscht. Wenige Minuten später taucht wieder ein Text auf, wird aber wenig später durch einen neuen ersetzt. Fieberhaft suchten die Nutzer auf Weibo nach den Unterschieden: Eine Passage war verschwunden, in der die Anklage auf eine „Anweisung von oben“ verwies. Vielleicht kam die Anweisung zum Löschen auch von oben, vermuteten einige Nutzer im Internet.

Es kommen mehr Zweifel auf, inwieweit die Protokolle - ausländische Journalisten waren vom Prozess ausgeschlossen - überhaupt die wirklichen Szenen aus dem Gericht widerspiegeln.

Showdown oder Schauprozess

„Es gibt gute Gründe zu glauben, dass dies Kurzfassungen sind und nicht die ganze Version. Aber welche Stellen wurden gelöscht? Und warum?“, fragt Dozent Wu Danhong, der als Unterstützer von Bo Xilai gilt. Die Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“ berichtete sogar unter Verweis auf geheime Quellen, dass systematisch etwa Stellen aus den Protokollen gelöscht wurden, welche die Parteiführung in Peking in schlechtem Licht erscheinen lassen könnten.

Showdown oder Schauprozess - wie richtig oder falsch die Protokolle wirklich sind, wird wohl noch länger ein Geheimnis der Parteiführung bleiben. Aber einen konkreten Effekt könnten die Protokolle im Stil eines Hollywood-Liebesdramas schon haben: Das Urteil gegen Bo werde vermutlich nicht mehr sehr hart ausfallen, prognostizierte Cheng Li vom China-Zentrum der US-Denkfabrik Brookings dem Sender CNN. Allerdings hüllt sich das Gericht in Schweigen, wann es eine Entscheidung verkünden will.

(Stephan Scheuer arbeite für die Nachrichtenagentur dpa)


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