Die Verführungskunst der Bourgeoisie

Ruben Alves erzählt in seinem Debütfilm „Portugal, mon amour” ein abenteuerliches Gastarbeitermärchen.

80 Prozent der Dienstleister in Pariser Haushalten und Conciergelogen kommen aus Portugal: Rita Blanco (rechts) feiert eine Erbschaft.Foto: Polyfilm

Von Peter Angerer

Innsbruck –Um neben den nationalen Filmförderungen auch die europäischen Fördertöpfe abschöpfen zu können, greifen Filmproduzenten immer öfter zu länder­übergreifenden Projekten, die nebenbei auch bei Tourismusverbänden Gefallen finden könnten. Dramaturgisch sollten derartige Projekte den europäischen Gedanken der Einigkeit und der Gleichheit verfolgen, im Idealfall könnten dargestellte Figuren und Kinogeher ihre Seelen im Gleichklang baumeln lassen. So steht das natürlich nicht in den Förderbedingungen, aber die Filme sehen so aus.

In Susanne Biers „Love Is All You Need” (2011) verliebt sich ein Obst- und Gemüsemagnat in eine Friseuse und übersiedelt mit ihr von Kopenhagen an die Amalfiküste, wo die Zitronen blühen. In Philippe Le Guays „Nur für Personal!” (2010) bemerkt ein Pariser Vermögensberater angesichts des spanischen Dienstmädchens, das in seinem Haus nicht einmal den Lift benützen darf, die Versäumnisse seines Lebens und entscheidet sich für eine schlichte Existenz in Spanien. Es sind Aschenputtel-Variationen. Den abenteuerlichsten Entwurf einer geglückten Arbeitsmigration liefert Ruben Alves in seinem Debütfilm „La cage dorée”. Aus dem goldenen Käfig des Originals wurde der deutsche Verleihtitel „Portugal, mon amour”.

Für Maria Ribeiro (Rita Blanco), die seit 30 Jahren als Concierge an einer noblen Adresse arbeitet, beginnt jeder Tag mit einer kleinen Grammatiklektion. Ihr Französisch ist gewiss nicht perfekt, doch die perfiden Ermahnungen der Hauseigentümerin sollen nur von Marias Hinweisen auf unmenschliche Arbeitsbedingungen ablenken. Die Conciergeloge aus dem 19. Jahrhundert kann wegen der Wirtschaftskrise nicht renoviert werden und wer die Gefährdung seiner Gesundheit nicht in einwandfreiem Französisch vortragen kann, riskiert Krankheiten. So ist sie eben, die französische Bourgeoisie, die sich im Kino gern einen Spiegel vorhalten lässt.

Marias Mann José (Joaquim de Almeida) hat sich vom Maurer zum Polier hochgearbeitet, in der Nacht arbeitet er als Installateur. Die Ribeiros könnten wohlhabend sein, doch sie haben sich nie aus der Unterwürfigkeit der Arbeitsimmigranten befreien können. José ist der gute Idiot von Paris, der die Freundschaft schätzt und Ausbeutung für Wertschätzung hält. Seine Tochter Paula (Barbara Cabrita) leidet unter Minderwertigkeitskomplexen, sein Sohn Pedro (Alex Alves Pereira) zehrt noch von der pubertären Hoffnung, bei der Geburt vertauscht worden zu sein. Jedenfalls verleugnet er in der Schule seine Eltern. Die Verhältnisse ändern sich mit einer Erbschaft in Portugal. José sieht sich bereits als Portweinkönig. Für die Kinder, die noch nie im Süden waren, ist „Heimkehr“ keine Option. Da mit der Abreise der Ribeiros zu rechnen ist, erfüllen sich aber alle Träume, die mit der Migration verbunden waren. Marias Loge wird renoviert, der Bauunternehmer Francis Cailaux (Roland Giraux) hebt für seinen Vorarbeiter die Klassenschranken auf und die Verführungskunst der Bourgeoisie funktioniert tatsächlich. Die Ribeiros sind glückliche Gastarbeiter. José ist ein Hans im Glück. Er tauscht sein Weingut gegen einen Porsche mit Anhängerkupplung, damit er ein Zelt transportieren kann.

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