Das ganze Böse im Blick

Sie blicken in menschliche Abgründe und hinter die Kulissen der Gesellschaft – wie Kriminalpolizisten den Berufsalltag bewältigen, erzählt der Chef des Landeskriminalamts.

© Landespolizeidirektion

Von Denise Daum

Innsbruck –Nach außen treten nur wenige in Erscheinung – unerkannt zu bleiben, ist für Kriminalbeamte ein wesentlicher Vorteil bei der Ermittlungsarbeit. Und natürlich ein Schutz. „Geheimdienst sind wir aber trotzdem keiner“, sagt Oberst Walter Pupp, Leiter des Landeskriminalamts (LKA), weshalb er auch bereit ist, der TT vom Berufsalltag bei der Kriminalpolizei zu erzählen.

In kaum einem anderen Beruf blickt man so tief in menschliche Abgründe. „Man sieht schreckliche Dinge, die ein Normalbürger nicht zu Gesicht bekommt, und blickt hinter die Kulissen der Gesellschaft“, sagt Pupp. Dass einen die Arbeit verändert, sei klar. Aber man entwickle eine professionelle Distanz. So nehme man die Situation ernst, sei aber nicht so betroffen, dass man nicht weiterarbeiten kann.

Zu den Erlebnissen, die einen nur schwer loslassen, gehören „Tötungsdelikte gegen junge Menschen. Vor allem dann, wenn wir dem Täter nicht auf die Spur kommen“, sagt der LKA-Chef. Um abzuschalten, müssten die Beamten eine Bewältigungsstrategie entwickeln. Und die scheinen sie zu haben, da „wir so gut wie nie Ausfälle aufgrund von Traumatisierung haben“. Psychologische Betreuung steht allen Beamten zur Verfügung, diese wird aber kaum in Anspruch genommen, viel wichtiger sind die Gemeinschaft und der Austausch auf der Dienststelle.

Angesprochen auf die Authentizität der Krimi-Serien von Tatort über CSI New York, verdreht der Beamte nur die Augen. „Schimanskis Methode, jedem Verdächtigen die Nase zu brechen, bis er redet, ist natürlich Blödsinn“, sagt Pupp. Die Kriminalpolizei ist an rechtliche Vorgaben gebunden und lebe von Beweisen, die rechtskonform ermittelt werden müssen. Genauso fernab jeglicher Realität ist die Geschwindigkeit, in der Daten zur Verfügung stehen. Einen Bluttropfen unters Mikroskop zu halten, reiche nicht, damit der Computer den dazugehörigen Menschen ausspuckt. Trotzdem könne das LKA auf gute polizeiliche Datensätze zurückgreifen und verfüge über ein ausgeklügeltes Kommunikationssystem, das europa- und weltweit funktioniere.

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Ins Reich der Fernsehmythen gehört auch der alle Morde aufklärende Einzelkommissar. Ermittlungsarbeit sei immer Teamarbeit, deshalb gehört zu den persönlichen Voraussetzungen hohe Teamfähigkeit. Die Ansprüche an die Beamten seien generell enorm hoch, auch im Außendienst. „Die Uniformierten sind die Ersten, die an einen Tatort kommen. Wenn sie zu einer Wohnungsöffnung kommen, kann es sein, dass dort eine Leiche liegt. Auch die Mitarbeiter im Außendienst sehen das ganze Böse“, weiß Pupp. Deshalb werde bei der Polizei auch sehr viel Wert auf ein effektives Auswahlverfahren bereits für die Polizeischule gelegt. Um Kriminaldienst zu versehen, muss man zunächst die Grundausbildung absolvieren und zusätzlich mindestens zwei Jahre Berufserfahrung auf einer Polizeidienststelle gesammelt haben.

Dass nicht jeder Kriminalbeamte beispielsweise Gewalt- oder Sittlichkeitsdelikte bearbeiten möchte, werde akzeptiert. „Wir nehmen niemanden auf und teilen ihn irgendwo zu, sondern versuchen, den jeweiligen Vorlieben entgegenzukommen. Aufgrund der spartenspezifischen Verwendung suchen wir Leute mit Fachkenntnissen“, sagt Pupp.

Grundsätzlich gibt es bei der Kriminalpolizei feste Arbeitszeiten, wenn aber beispielsweise ein Mord passiert – und das ist meistens nachts –, werden sämtliche Beamte der so genannten Sparte „Leib und Leben“ in den Dienst geholt. Dann kann auch die Normalarbeitszeit schon einmal überschritten werden, schließlich stehen dann Erhebungsarbeit, Spurenauswertung und das Verfassen von Berichten an. „Und wenn der Täter da ist, ist’s gut, aber man ist noch lang nicht mit der Arbeit fertig“, betont der Landeskriminalamtschef.


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