Die ersten Touristen im Kaunertal

Der Berliner Martin Frey widmet seiner Wahlheimat, dem Kaunertal, jede freie Minute. Derzeit schreibt er die Geschichte der Alpenvereinssektion Frankfurt. Gleich drei AV-Hütten feiern heuer Geburtstag.

© Reichle, Frey

Von Matthias Reichle

Kaunertal –Am Anfang lag eine schlaflose Nacht: 1871 wanderte der legendäre Pionier der Alpen, Theodor Petersen, von Vent über das Ölgrubenjoch und die Ölgrubenspitze ins hinterst­e Kaunertal. Es war bereits spät und so musste er in der Gepatschalpe übernachten, wo ihm ein Lager direkt über dem Schweinestall zugewiesen wurde. „Der Gestank und die Geräusche waren nicht der Komfort, den der Alpinist gewöhnt war“, so erzählt Martin Frey den Beginn des Alpintourismus im Kaunertal.

Frey ist der inoffizielle Chronist der Gemeinde. In den letzten beiden Jahren hat er sich intensiv mit der Geschichte des Deutschen Alpenvereins Sektion Frankfurt beschäftigt. Vielleicht hat diese geruchsintensive Erfahrung dazu beigetragen, dass sich deren langjähriger Präsident Petersen künftig dafür engagierte, bessere Übernachtungsmöglichkeiten für die Alpinisten zu schaffen. Denn bereits 1873 wurde das Gepatschhaus eröffnet, 1888 folgte die Rauhekopfhütte und 1893 die Weißkugelhütte. Heuer feiern alle drei Ereignisse einen Runden – kürzlich wurde des 125-Jahr-Jubiläums der Rauhekopfhütte mit einem kleinen Fest gedacht. Die Sanierung der hochalpinen Übernachtungsmöglichkeit auf 2731 Metern ist erst im letzten Jahr abgeschlossen worden.

Frey hat sich durch Berge von Akten und Archivmaterialien gekämpft und unzählige Briefe durchgesehen, um der Geschichte der AV-Sektio­n Frankfurt auf die Spur zu kommen. Inzwischen liegt ein fast fertiger Band vor. Auf mehreren hundert Seiten arbeitet er die letzten 150 Jahre akribisch auf – mit manch überraschendem Detail. Etwa dass der Postbus 1909 noch eineinhalb Stunden von Land­eck nach Prutz unterwegs war. Und dass nicht wenige der Alpinisten zu Fuß über den Fernpass ins Kaunertal wanderten, um die schöne Landschaft zu genieße­n.

Auch alte Bergführer­tarife hat er ausgegraben. Eine Tages­tour kostete ein bis zwei Gulden, so Frey. Der erste genannte Bergführer, den er gefunden hat, war Johann Auer. Jene Männer, die die Gäste hinauf auf die Gipfel leiteten, betrieben auch die ersten Pensionen im Ort und waren die Kontaktpersonen zu den „Herren“, wie die vornehmen Bergsteiger damals noch genannt wurden.

Im Zuge seiner Recherchen ist der Chronist außerdem auf jenes Fremdenbuch gestoße­n, in das sich Petersen zum ersten Mal in der Gemeinde Vent eingetragen hatte.

Unzählige Stunden in Archiven liegen bereits hinter ihm. „Es ist mühsam, solche Sachen zusammenzutragen, und manchmal braucht man auch Glück“, beschreibt Frey seine Arbeit. Er beschäftigt sich jede freie Minute mit seiner Wahlheimat, denn eigentlich ist er in Deutschland geboren, in Stuttgart aufgewachsen und lebt in Berlin.

Der Ministerialrat, dessen Arbeitsstätte der deutsche Bundestag ist, bereichert die Gemeinde schon seit mehreren Jahren mit seinen Studie­n. Bereits 2005 erschien ein dicker Wälzer über den Kauner­berger Hangkanal. Sein Kaunertal­buch ist bei Gästen heiß begehrt, auch eine Chronik über die Musikkapelle stammt aus seiner Feder, und die Geschichte der Wallfahrtskirche Kaltenbrunn liegt als halbfertiges Manuskrip­t in seiner Schublade.

„Berlin ist mein Arbeitsplatz, das Kaunertal meine soziale Heimat“, betont Frey, der mit seinem Auto regel­mäßig hin und her pendelt. Er lebt inzwischen seit über 20 Jahren am Poschenhof, den er mit seiner Frau selbst renoviert.

„Martin Frey ist unser Dorfarchivar“, betont Bürgermeister Pepi Raich, „im Kaunertal ist er sehr anerkannt.“ Immer wieder gestaltet er Ausstellungen.

Sein neues Buch wird im Oktober fertig sein. Ob es noch heuer – im Jubiläumsjahr – erscheinen kann, hängt von Sponsoren ab und von einem Verlag, der sich des Geschichtswerks annimmt.


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