233 Beispiele neuen Bauens

Innovative Baukunst aus den letzten 20 Jahren im neuen Südtiroler Architekturführer.

© raetia

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Südtirol mausert sich immer mehr zu einem Land, in das man nicht nur seiner großartigen Landschaft und alten Kulturschätze wegen gern fährt, sondern auch, weil das Land südlich des Brenners ganz Erstaunliches an moderner Architektur zu bieten hat. Wie viel, wird beim Durchblättern des neuen Südtiroler Architekturführers deutlich, der das in den vergangenen 20 Jahren Entstandene in Wort und Bild dokumentiert. Und weil es so viel ist, das auf 176 kleinen Seiten Platz finden musste, sind die Texte kurz und die Bilder klein. Um vielleicht gerade deshalb Lust darauf zu machen, die Projekte vor Ort zu erkunden.

Seit dem Erscheinen des letzten Südtiroler Architekturführers 1993 hat sich vieles verändert. Die Zahl der Architekten hat sich von 200 auf rund 1000 verfünffacht. Die Bauherren werden immer kritischer und informierter, die öffentliche Hand setzt zunehmend auf Wettbewerbe. Ein sensibles Reagieren auf Landschaft und regionale Traditionen des Bauens mit den Mitteln von heute wird prinzipiell immer ernster genommen.

Aus rund 700 in Augenschein genommenen Projekten wurden von der Arbeitsgruppe, der u. a. die Architekten Angelika Margesin, Zeno Abram, David Stuflesser und Carlo Calderan angehörten, 233 letztlich in das Buch aufgenommen. Kriterien waren ihre formale Qualität und Originalität, ihr Sich-Einfügen in die Landschaft, ihr kreativer Umgang mit Materialien. Entstanden ist auf diese Weise ein bunter Querschnitt durch das aktuelle Bauen in Südtirol bei privaten Wohnhäusern genauso wie beim sozialen Wohnbau, bei Hotels, Kirchen, Gewerbe- oder Zweckbauten.

Eine Bestandsaufnahme, die höchst heterogen daherkommt. Futuristische Statements genauso zulässt wie ein stilles Weiterdenken von Bestehendem. In der Stadt genauso wie am Land. Wobei gerade bei letzteren das innovative Potenzial der Architekten offensichtlich mehr herausgefordert wird, authentisch Handschriftliches, nicht zuletzt deshalb, weil hier auch die zu überwindenden bürokratischen Hürden viel niedriger sind als im urbanen Raum.

Südtirol ist nicht nur für die Liebhaber des Weins eine Reise wert, sondern auch für solche, die wissen wollen, wo dieser gekeltert wird. Ist in den letzten Jahren doch ein wahrer Wettbewerb in Sachen fabelhafter moderner Architektur unter den Weingütern entstanden. Angefangen von Manincor, dessen Architektur Walter Angonese und Rainer Köberl in den Hang hineingegraben haben, bis zum skulptural anmutenden Neubau, den Werner Tscholl für die Kellerei Tramin entworfen hat.

Gut gemachte neue Glashäuser findet man dagegen in Südtirol nur selten. Eines davon ist das auf zarten Stelzen schwebende Eurac-Gebäude in Bozen, entworfen vom international umtriebigen Architekten Klaus Kada.

Meister im Weiterdenken von Bestehendem ist das Brixner Architektenduo Gerd Bergmeister und Michaela Wolf. Wenn sie etwa im Bozner Gasthof Löwengrube zwischen Altem und Neuem einen spannenden Dialog anzetteln, in der „Sterzinger Hofstelle b“ einen alten Bauernhof auf verblüffende Weise revitalisieren oder für die Grödner Holzschnitzerei eine Hülle falten, die fast wie Origami daherkommt. Im benachbarten Sexten hat Ulla Hell (Plasma Studio) ihr Büro. Und dort steht auch ihr „Cube Haus“, das eine hölzerne Skulptur zum Bewohnen ist. Eine ganz aus Beton ist dagegen die, die Walter Angonese und Andrea Marastoni in Bozen für den Kunstsammler Antonio Dalle Nogare gebaut haben.

Tourismusarchitekturen sind auch in Südtirol ein heikles Thema. Wie man es gut macht, zeigt das von Matteo Thun am Vigiljoch geplante „Vigilius Mountain Resort“, das ganz still und trotzdem selbstbewusst in die Landschaft eingebettet ist. Ganz anders und doch ähnlich verhält es sich mit den zeitgenössischen Interventionen von Walter Angonese, Klaus Hellweger und Markus Scherer in Schloss Tirol bzw. von Walter Dietl und Markus Scherer in der Franzensfeste.


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