„Die Radler sind so gestresst“

Mountainbiker sollten sich für die Tour auf die Marienberg-Alm Zeit nehmen. Nicht weil die Strecke lang ist, sondern weil es die letzte Chance ist, mit den langjährigen Wirten zu plaudern.

Als gäbe es kein Inntal, keine Autobahn, keine Hektik im Tal – von der Marienberg-Alm sieht man weit hinein ins Ötztal (oben). Kurz vor der Ankunft erblickt man die 300 Jahre alte Hütte. Annemarie Schuchter (Mitte) bewirtet ihre Gäste schon im 40. Sommer, allerdings wird es ihr letzter sein. Stress machen hier heroben nur die Kühe, die an den Mountainbikes knabbern.Fotos: Christler, Faserl
© christler

Matthias Christler

Obsteig –Zwei Mountainbiker lassen sich auf die Bänke vor der Marienberg-Alm fallen. Sie beobachten, wie ein dritter dazukommt – mit rotem Kopf. Fast glühend. Bezeichnend steht auf der Speisekarte der Satz: „Nirgends strapaziert sich der Mensch so sehr wie auf der Jagd nach Erholung.“ Wirtin Annemarie Schuchter wird diesen Spruch des Schriftstellers Laurence Sterne nicht ohne Grund ausgewählt haben.

Dabei lässt sich diese Mountainbike-Tour von Obsteig aus eigentlich ohne Problem bewältigen, wenn man diesen Sommer schon den einen oder anderen Kilometer in den Beinen hat. Ein weiterer Vorzug der rund eineinhalbstündigen Fahrt: Sie ist abwechslungsreich. Vom Parkplatz hinter dem Verkehrsbüro Obsteig ist man dem Wegweiser folgend Richtung Wald in wenigen Minuten am Rundwanderweg. Von dort fährt man nach links. Hier auf diesem leicht ansteigenden Schotterweg lassen sich die Wadeln so richtig auf Temperatur bringen.

Der erste Höhepunkt folgt beim Gasthof Arzkasten, wo das Sonnenplateau seinem Namen mehr als gerecht wird. Bei einer Abzweigung ist auch schon die Marienberg-Alm angeschrieben. Nach einer kurzen Schleife, noch auf Asphalt, geht es wieder hinein in den Wald.

Jetzt beginnt die Quälerei mit zwischendurch zwei Anstiegen von über 15 Prozent. Und wer – wie wir zwei Mountainbiker – sich um die Mittagszeit am heißesten Tag der Woche diese „Sonnentour“ vorgenommen hat, ist selbst schuld (ein Tipp zwischendurch – die Tour ist perfekt für den Herbst).

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Der Vorteil, wenn man die Tour in diesem Herbst angeht, ist, dass man noch in den Genuss der Küche von Annemarie Schuchter kommt. Sie und ihr Mann Herbert betreiben die ca. 300 Jahre alte Alm schon den 40. Sommer – es wird der letzte der beiden als „Almer“ sein. „Um 6 aufstehen, dann oft um 24 Uhr im Bett, dazwischen eigentlich keine echte Freizeit, damit ist es jetzt genug“, sagt Annemarie Schuchter.

Die Marienberg-Alm war stets ganzjährig geöffnet; der kleine Lift hinter der Alm führt übrigens zum Skigebiet Biberwier. Dem Winter hier heroben – 1999 donnerte eine Lawine in die Küche – trauere sie keine Sekunde nach. Dem Pano­rama-Ausblick schon. „Das schaue ich mir noch jeden Tag an. Durch das Wetter bekommen die Berge immer eine andere Farbe“, schwärmt sie.

Klar, von den Bergen aus gibt es in Tirol meist eine grandiose Sicht, doch diese tief hinein ins Ötztal hat etwas Besonderes. Da reicht ein kurzer Blick nicht aus. „Leider“, bereut die Wirtin die wohl gravierendste Veränderung in den vergangenen 40 Jahren, „haben die Leute keine Zeit mehr. Besonders die Radfahrer wollen sich hinsetzen, sofort etwas zu trinken haben und brechen gleich wieder auf. Die sind so gestresst.“

Diesen Gedanken im Kopf ersparen wir uns den finalen Anstieg auf das Marienbergjoch und bleiben sitzen. Das nächste Mal, ganz sicher diesen Herbst, geht’s höher hinauf. Heute strapazieren wir uns nicht mehr, sondern genießen die Erholung.


Kommentieren


Schlagworte