Die Bewohner der Insel der Wildnis

Zu Besuch bei den Präriebewohnern: Ein Pferdeflüsterer, ukrainische Brotbäckerinnen und ein indianischer Filmemacher erzählen von ihrem Leben im kanadischen Riding Mountain Nationalpark.

© Oliver Gerhard

Von Oliver Gerhard (srt)

Winnipeg –Elroy ist eher der träge Typ. Dafür lässt er sich gern streicheln: „Seht, wie er sich die Lippen leckt“, sagt Leonard Boles, „ein Zeichen, dass er sich wohlfühlt.“ Mit sanftem Druck drängt er Elroy zum Antraben. Nur widerstrebend setzt sich das Pferd in Gang und bleibt dann gleich wieder stehen: Es will lieber Zärtlichkeiten. „Und jetzt dürft ihr mit den Pferden sprechen“, sagt Boles – grauer Bart, schwarzer Hut, staubige Boots.

Wir sind zu Gast bei einem „Pferdeflüsterer“: Boles arbeitet bei Elkhorn Riding Adventures, einem Reitstall in der zentral gelegenen Prärie-Provinz Manitoba. Auf Bestellung gibt es eine Lektion in der Körpersprache der Pferde. Schon nach wenigen Minuten im Korral merken wir, welche Wirkung selbst kleinste Bewegungen auf die Pferde haben – und sie zum Antraben, Wenden oder Anhalten veranlassen.

„Jedes Pferd ist für eine andere Aufgabe geeignet“, erklärt Boles. Rennpferd oder Trainingstier? Aufgeschlossen für Kinder? Robust genug für fünf verschiedene Reiter am Tag? Störrisch oder so verkuschelt wie Elroy? Viele Gäste testen ihr neues Wissen gleich bei einem Ausritt – das Zentrum liegt am Rande des Riding Mountain National Parks, eines 3000 Quadratkilometer großen Schutzgebietes mit Wäldern, Seen und Prärien.

Zum Zeitpunkt der Parkgründung 1933 wurde das Gebiet als „Insel der Wildnis in einem Ozean aus Farmland“ betrachtet – was nicht ganz stimmte, denn Pelztierjäger hatten hier zeitweise Otter, Marder und Vielfraß komplett ausgerottet. In den Riding Mountains – so genannt, weil sie nur zu Pferde zugänglich waren – befanden sich traditionell auch Jagdgründe der Ureinwohner, zunächst der Cree und Assiniboine, später der Ojibway. Diese wurden damals gezwungen, ihr Land aufzugeben. Erst 1991 erhielten sie Teile davon zurück. Heute kann man im einzigen Nationalpark Manitobas Wölfe, Schwarzbären, Elche und Wapiti-Hirsche sehen. Und Büffel: In einem 500 Hektar großen eingezäunten Gehege lebt eine Herde in ihrer natürlichen Umgebung.

Nur rund ein Prozent des Parks besteht aus ursprünglicher Prärielandschaft. Das Grasland, das einst weite Teile Kanadas bedeckte, ist selten geworden. „Die Büffel spielen eine Schlüsselrolle beim Erhalt dieses Ökosystems“, sagt unser Guide Celes Davar. Die Tiere fressen nicht einfach alles kahl, sondern lassen Gräser in verschiedenen Höhen stehen – Nischen für Insekten, Vögel, Reptilien, Amphibien und größere Tiere.

Davar zeigt uns ein Loch, in dem sich die Büffel zum Schutz vor Insekten im Staub wälzen, lässt uns Bisonhaar fühlen, das manche Vögel zum Nestbau verwenden, und führt uns zu einem alten Büffelschädel im Gras. Nur ein lebendes Exemplar will sich nicht blicken lassen. Das macht aber nichts, denn wir befinden uns vor allem auf einer Reise zu den Menschen der Region.

Davar hat ein Netzwerk von gut 30 Anwohnern des Parks aufgebaut – normale Menschen, die ihrem Job nachgehen und das lieben, was sie tun: Künstler, Musiker, Köche, Imker und ein Farmer, der in seiner Küche aus seinem Leben berichtet. Wertvoll werden ihre Geschichten für den Besucher, der die Region entdecken und etwas lernen möchte. „Keiner meiner Partner würde von sich behaupten, dass er im Tourismus arbeitet“, sagt Davar. Der indischstämmige Kanadier arbeitete lange als Chefnaturforscher im Nationalpark, bevor er sich im Tourismus selbstständig machte. Sein Konzept heißt Experiential Tourism: „Ich bringe Menschen zusammen, die sonst nie zueinanderfinden würden“, sagt der charismatische 60-Jährige. Zum Beispiel der junge Indianer Kevin Lee Burton. Der Filmemacher vom Stamm der Swampee Cree lebt in einer kleinen Fischerhütte am See. Ein Ausstieg auf Zeit: Das Manitoba Arts Council und der Nationalpark haben den Filmemacher für vier Wochen zu ihrem „Artist in Residence“-Programm eingeladen. Burton nutzt diese Zeit, um an einem Skript für einen Kurzfilm zu arbeiten. Die Streifen des 32-Jährigen drehen sich um seine Muttersprache, um das Nebeneinander von Tradition und Moderne im Reservat.

Zu Burtons Aufgabe gehört es auch, mit Gästegruppen wie unserer zu sprechen und von seiner Arbeit zu erzählen. Tagsüber sitzt er viel am Wasser, liest und lauscht auf seine innere Stimme. „Dafür ist es extrem hilfreich, dass ich hier kein Facebook habe“, sagt Burton lachend.

Auch die betagten Damen, die wir als Nächstes besuchen, haben mit dem Internet nicht viel am Hut: Slawische Musik ertönt und eine Frau in bestickter Bluse setzt ihr schönstes Willkommenslächeln auf, als wir das Zentrum der ukrainischen Gemeinde in der Kleinstadt Dauphin betreten. Die „Babas“ warten schon – die ukrainischen Großmütter, die uns in einem Crashkurs das Brotbacken nach alter Tradition beibringen wollen. Nicht irgendein Brot, sondern liebevoll verzierte Laibe.

„Vögel symbolisieren die Natur“, erklärt Kay Slobodzian, deren Eltern 1899 aus der Ukraine nach Kanada auswanderten. „Die Rose steht für Wohlstand, Zöpfe für die heilige Dreifaltigkeit“, leitet sie uns an. Ungelenk machen wir uns ans Werk. „Jedes Jahr zu Ostern backen wir 700 Brote für die Gemeinde“, sagt Slobodzian.

Ukrainer haben die Region mitgeprägt: Ab der Wende zum vorletzten Jahrhundert strömten Siedler aus der Ukraine nach Kanada – und die Prärieprovinzen empfingen die fleißigen Arbeitskräfte mit offenen Armen. Die Kultur aus der einstigen Heimat wird hier noch hochgehalten, zum Beispiel im Rahmen des seit fast 50 Jahren abgehaltenen Ukrainian Festival. „Gastfreundschaft war immer ein hohes Gut in der Gemeinde, deshalb fanden alle Mitglieder die Idee erst einmal skurril, von Touristen Geld fürs Brotbacken zu verlangen“, sagt Celes Davar. Sie konnten sich erst recht nicht vorstellen, dass jemand freiwillig dafür zahlen würde. Nun fließt für jede Gruppe Geld an die Kirchengemeinde, und die Babas sind begeistert, dass sie so viel Zuspruch erfahren – inzwischen gibt es nach dem Kochen sogar einen kleinen ukrainischen Tanzkurs.

Im Zeichen der Musik steht auch der letzte Besuch unserer Reise. „Songcrafting“ steht auf dem Programm – wir komponieren gemeinsam das Lied zu unserer Tour. „Was habt ihr alles erlebt, gesehen, gehört, geträumt“, fragt Singer-Songwriterin Keri Latimer zu Beginn des kurzen Workshops. „Ihr gebt mir eure Assoziationen – und dann sehen wir, wo sie uns hinführen.“

Die zierliche Künstlerin mit japanischen Wurzeln ist eine musikalische Größe in Kanada: Mit ihrer 2001 in Winnipeg gegründeten Band Nathan hat sie schon zahlreiche Preise eingeheimst. Erst zögerlich, dann immer freier fliegen ihr die Worte aus der Gruppe zu. Keri lässt den Stift übers Blatt flitzen, während sie im Kopf schon eine Melodie formt. Dann stimmt sie mit Gitarrenbegleitung unseren Song an, den Soundtrack unserer Reise: das Schweigen der Wälder, der durchdringende Pfiff der endlosen Lastzüge, zitterndes Espenlaub, der Brunftschrei der Wapitis, Strohballen und tanzendes Präriegras.


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