Glück ist mehr, als perfekt zu sein

Warum werden Menschen, die scheinbar alles haben, depressiv? Warum begehen erfolgreiche Manager Selbstmord? Der schwerbehinderte Psychologe Georg Fraberger hat die Antwort darauf gefunden.

Spargeltarzan oder Muskelprotz? Wer von den beiden ist wohl glücklicher, erfolgreicher, beliebter? Wer ist mehr wert? Die Antwort: Ein schöner Körper alleine genügt eben nicht, um etwas über den Menschen und sein wahres Ich herauszufinden.Fotos: Thinkstock/Paul Cotney, NinaMalyna
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Wien, Innsbruck –Georg Fraberger wurde ohne Beine und Arme in eine liebevolle Familie hineingeboren, die ihn weder verhätschelt noch besonders geschont hat. Heute ist der 39-jährige Wiener zum zweiten Mal verheiratet, arbeitet als Psychologe am AKH in Wien und hat vier Kinder.

In seinem neuen Buch „Ohne Leib. Mit Seele“ beschäftigt er sich mit der Frage: Was macht den Menschen zum Menschen? Was passiert, wenn jemand den körperlichen und geistigen Anforderungen unserer Gesellschaft nicht entspricht, behindert, dement oder einfach nur alt ist? Sein Resümee: Was den Menschen ausmacht, ist seine Seele. Leider hat genau sie oft ein gewaltiges Problem.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Seele im Alltag zu wenig Bedeutung hat, auch weil sie sprichwörtlich schwer zu greifen ist. Was macht nun den Menschen zum Menschen?

Georg Fraberger: Ich weiß es nicht. Allerdings sehe ich so viele Menschen, die in meinen Augen mehr sind, als sie nach außen hin zeigen. Sie haben verlernt, darauf zu achten, auf was es wirklich ankommt, wo ihr Potenzial, ihre Seele liegt. Und das ist bei vielen eben kein Nine-to-five-Job mit anschließendem Fernsehabend.

Wir sind von Natur aus darauf programmiert, erkannt und gemocht zu werden. Wenn wir nur anhand eines schönen Körpers, unserer Intelligenz oder eines bestimmten Jobs erkannt werden, genügt das irgendwann nicht mehr. Wird die eigene Identität nur an eine Leistung geknüpft, vergisst man auf seine seelischen Bedürfnisse.

Was genau ist die Seele?

Fraberger: Die Energie, die einen antreibt, gewisse Ziele zu erreichen, der Motivator schlechthin. Seele kann ich in jede Tätigkeit hineinlegen, die ich mit Liebe ausübe, ganz egal, was es ist. Und dann geht es mir gut.

Was braucht unsere Seele, um sich zu entfalten?

Fraberger: Bestätigung und Sichtbarkeit. Menschen, die Sorge haben, nicht sichtbar zu sein, werden krank. Es gibt z. B. Menschen, die alles haben, aber sich trotzdem wertlos fühlen und ins Burn-out schlittern. Der Grund: Sie vernachlässigen ihre seelischen Bedürfnisse.

Sie haben trotz körperlicher Defizite Ihr Glück gefunden. Haben Sie Ihre seelischen Bedürfnisse erkannt?

Fraberger: Das Glück muss auch ich immer wieder suchen und finden. Aber ich habe einen Beruf, der meinen seelischen Bedürfnissen entspricht und für mich Sinn macht. Ich habe offensichtlich ein Talent, mit Menschen umzugehen. Glück ist also, wenn ich meine Fähigkeiten entwickeln kann.

Aber wie gesagt: Um glücklich zu sein, ist es ganz egal, was ich mache, wichtig ist allein die Tätigkeit. Ich muss meinem Talent folgen, dann ist es ganz egal, ob ich arbeitslos ein Buch schreibe oder Manager bin.

Was ist Glück für Sie?

Fraberger: Das Gefühl, gemocht und akzeptiert zu werden. Mich mit den Gedanken beschäftigen zu können, die mich interessieren, und Dinge zu tun, die ich nicht unbedingt tun muss.

Haben Sie sich einmal die Frage gestellt: Warum bin gerade ich mit einer Behinderung geboren?

Fraberger: Natürlich, oft. Allerdings wäre es dasselbe, wenn ich frage: Warum nicht ich? Ich gehe also zur nächsten Frage, was nicht immer einfach ist. Traurig zu sein, ist aber erlaubt, solche Phasen bringen einen weiter. Sie sind ja nicht mit einer Depression zu verwechseln.

Sie sagen, dass sich jeder Körperteil wohlfühlen darf. Gilt das auch für Bierbäuche und schiefe Nasen?

Fraberger: Warum nicht? Gerade im Alter verändert sich der Körper, bekommt Falten, wird schlaffer. Wohlfühlen darf sich der alte Mensch aber trotzdem, so wie sich auch ein behinderter oder ein übergewichtiger wohlfühlen darf. Das sagt sich natürlich leicht: Es bedeutet ordentlich Arbeit an sich selbst, bis der Körper dieses Gefühl erlaubt.

Die Kindheit spielt eine bedeutende Rolle für die spätere seelische Gesundheit. Was können Eltern für ihren Nachwuchs tun?

Fraberger: Das Kind muss als gut gelten. Vater und Mutter sollten ihm Selbstvertrauen vermitteln, auch wenn es schielt, dick ist oder lange Haare haben will. Es geht darum, Mut zu machen, anders zu sein. Die Eltern müssen den Kern, das Potential, die Seele des Kindes erkennen. Es rein nach Normen und gesellschaftlichen Werten zu beurteilen, genügt nicht.

Und wenn die Kindheit weniger rosig war, was dann?

Fraberger: Seelische Bedürfnisse lassen sich immer finden. Auch das Leid kann dabei helfen, weil es einen zum Nachdenken bringt. Wenn alles im Leben schiefgeht, weist die Seele in die richtige Richtung.

Sie stehen der Pränataldiag­nostik kritisch gegenüber. Warum?

Fraberger: Die Pränataldiagnostik hat natürlich ihre Berechtigung, um Krankheiten frühzeitig zu erkennen. Aber: Der Wert des Menschen an sich wird dabei überhaupt nicht beachtet, in der Wissenschaft ist dieser Wert außen vor. Wir sind jedoch mehr als eine bloße Kosten-Nutzung-Rechnung.

Können auch Schwerstbehinderte ein sinn- und wertvolles Leben haben?

Fraberger: Über den Sinn eines anderen Lebens können niemals wir entscheiden. Mir hätte anfangs wohl auch keiner einen Wert beigemessen. Aber wie man sieht: Der Sinn lässt sich erst anhand der Entwicklung erkennen.

Wie spüre ich, dass meine seelischen Bedürfnisse zu kurz kommen?

Fraberger: Durch Müdigkeit, Desinteresse, Selbstzweifel, (sexuelle) Lustlosigkeit, dem fehlenden Bedürfnis, sich zu öffnen, eventuell die Flucht in diverse Ideologien.

Sie sagen, dass man über die Sexualität in die Seele des Menschen schauen kann. Wie meinen Sie das?

Fraberger: Weil man dabei z. B. sieht, ob sich jemand wohlfühlt, ob er genießen kann, ob er in der Sexualität aufgeht, ob er traurig ist. Man erkennt also den Kern des Menschen, vorausgesetzt natürlich, man achtet auf die Seele seines Partners.

Was ist Ihre Vision für die Zukunft?

Fraberger: Die Seele des Menschen zu erforschen, sie wissenschaftlich messbar zu machen, z. B. mit Gesprächen, Fragebögen und der Analyse von Hormonen. Ich habe bei meiner Arbeit mit Menschen festgestellt, dass ich viel sehe, was ich wahrheitsgemäß dokumentieren kann, aber auch so viel, was sich nicht in Worte fassen lässt.

Das Interview führte Kathrin Siller


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