Die Wunden der alpinen Wunderwelt

Überwältigendes Kratzen an der Oberfläche: „Die Alpen“ feierte am Samstag im Open-Air-Kino im Zeughaus Österreich-Premiere.

© Alamode

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Die Kamera als Waffe zählt zu den Fixpunkten der Filmtheorie. Wie hochmodernes Kriegsgerät wird auch die Kamera ausgerichtet, dann wird anvisiert und abgedrückt. Allzu ernst sollte man den Vergleich aber nicht nehmen, denn dort, wo Menschen mit Waffen wüten, wird gestorben. Die Kamera kann zwar schonungslos „draufhalten“, aber die Katastrophen, die sie abzubilden vermag, waren vorher schon da. Das gilt auch für die hochmoderne Cineflex-Kamera. Trotzdem ist der 500.000 Euro teure Apparat, der an Helikoptern montiert wird, als Waffe deklariert. Entwickelt wurde er vom US-Geheimdienst – für Überwachung und zur militärische Aufklärung. Erst seit Kurzem darf er für kommerzielle Zwecke genutzt werden und hat seither die Produktion von Flugaufnahmen revolutioniert. „Diese Kamera ist ein Geschenk für Filmemacher“, sagt Sebastian Lindemann im TT-Gespräch. Sie ermögliche gestochen scharfe Bilder, ruckelfreie Zooms und Panoramaaufnahmen aus beinahe unmöglichen Perspektiven.

Gemeinsam mit Peter Bardehle hat Lindemann den Dokumentarfilm „Die Alpen – Unsere Berge von oben“ gedreht. Am Samstagabend feierte der Film im Open-Air-Kino im Innsbrucker Zeughaus seine Österreich-Premiere. Über 650 Zuschauer lockte das Versprechen von sprichwörtlich Schwindel erregenden Aufnahmen vom Dach Europas ins größte Freiluftkino Westösterreichs. Dabei ist „Die Alpen“ mehr als eine leinwandfüllende Fototapete von mächtigen Gipfeln und idyllischen Tälern. „Wir wollten keinen Problemfilm machen“, erklärt Lindemann, „aber manchen Fragen mussten wir uns einfach stellen.“

So konfrontiert „Die Alpen“ beeindruckende Bergwelten mit an Wuselbilder erinnernde Aufnahmen glatt planierter Skipisten, zeigt sich unerbittlich ausbreitende Städte und schmelzende Gletscher und erzählt so vom ewigen Mit- und Gegeneinander von Mensch und Natur. „Die Alpen“, sagt Sebastian Lindemann, „sind ein wilder Naturraum mitten im hochzivilisierten Europa, vor diesem Spannungsfeld kann man nicht einfach die Augen schließen und einen reinen ‚Wohlfühlfilm‘ drehen.“

Manche Bilder in „Die Alpen“ sind tatsächlich verstörend: der steirische Erzberg, nach Jahrhunderten des Raubbaus eine klaffende Wunde in malerischer Landschaft; der Stubaier Gletscher unter seinem sommerlichen „Leichentuch“; die vom mörderischen Irrsinn des Ersten Weltkriegs vernarbten Gipfel der Dolomiten. Aber diesen Problemen lässt sich mit beeindruckenden Bildern aus der Vogelperspektive und einem zwischen Bergsteiger-Mystizismus und augenzwinkernder Stammtisch-Empörung hin- und hergerissenem Kommentar (gesprochen von Tatort-Kommissar Udo Wachtveitl) nicht befriedigend auf den Grund gehen.

Weshalb sich „Die Alpen – Unsere Berge von oben“ im Zweifelsfall doch fürs Wohlfühlen entscheidet. Was ganz im Sinne des Premierenpublikums war – das zunächst überwältigt staunte und am Ende brav applaudierte. Am 13. September startet der Film in den heimischen Kinos.


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