Fundstücke und Kunststücke

„Natural Motion“ des Mexikaners Gabriel Orozco im Kunsthaus Bregenz.

© kunsthaus bregenz

Von Edith Schlocker

Bregenz –Betritt man derzeit das Kunsthaus Bregenz, glaubt man kurz, in einem Naturkundemuseum gelandet zu sein. Liegt doch im Zentrum der großen Halle das 15 Meter lange Skelett eines Wals. Das allerdings kein reales, sondern ein vom mexikanischen Künstler Gabriel Orozco bis ins kleinste Detail aus Kunstharz nachgebildetes und mit einem Muster aus konzentrischen Kreisen überzogenes ist. Die Struktur von Wellen suggerierend, wie sie durch das Werfen eines Steins ins Wasser entstehen. Um auf diese Weise voller Poesie das Kreatürliche in den Kontext der Kunst zu hieven. Und der Ausstellungsbesucher weiß nun wieder, dass er doch am richtigen Ort ist.

In das oberste Geschoß des Kunsthauses hat der 51-jährige Orozco dagegen ein wirkliches Auto gestellt. In dem sogar der Zündschlüssel steckt. Augenzwinkernd Duchamps Idee des Readymade neu interpretierend, hat der Künstler den legendären Citroen DS allerdings zum skurrilen Zweisitzer verschlankt.

Vom „Autosalon“ wandert man einen Stock tiefer in ein „Archäologiemuseum“. Liegen hier auf niedrigen Sockeln doch kleine Terrakotten, die vage an Reales erinnern oder auch gar nicht. Letztlich daherkommen wie die Relikte einer untergegangenen Kultur. Kreisend um die Möglichkeiten des Minimalen innerhalb der Spielregeln des Skulpturalen. Die mit mexikanischen Traditionen genauso zu tun haben wie dem Wissen um die Bildhauerei der westlichen Moderne.

Unmittelbar mit seinen Wurzeln zu tun haben die Steine, die Orozco im ersten Stock des Kunsthauses wie zufällig auf den Boden gelegt hat. Gefunden hat er sie an der mexikanischen Küste, bevor er sie geschliffen, Muster in sie gekerbt hat. Die in der lateinamerikanischen Kultur verwurzelte Motive variieren, stilisiert zu in der Fläche rhythmisierten Abstraktionen von Pflanzlichem, Tierischem oder symbolbesetzt Mustrigem. Mühsame Handarbeit ist notwendig, um diese in Jahrtausenden geformten Ausspeiungen der Natur in einen reizvollen Dialog aus erodierten Oberflächen und der zarten Künstlichkeit autonom künstlerischer Interventionen zu überführen. Die man am liebsten angreifen, befühlen, erkunden möchte.


Kommentieren


Schlagworte