„Aber irgendwie auch geil“

Drei Jahre nach dem Skandal um ihr Roman-Debüt „Axoloatl Roadkill“ meldet sich Helene Hegemann mit „Jage zwei Tiger“ zurück. Erwachsen geworden ist die 21-Jährige nicht.

Helene Hegemann legt nach: „Jage zwei Tiger“ ist der zweite Roman der 21-Jährigen, die kein literarisches Fräuleinwunder sein will.Foto: Alexandra Kinga Fekete

Von Christiane Fasching

Innsbruck –Man soll’s ja eigentlich nicht tun, tut’s bei Helene Hegemanns neuem Roman „Jage zwei Tiger“ aber doch: hinten anfangen. Und zwar ganz hinten, beim Quellennachweis. Der wurde der heute 21-Jährigen anno 2010 bei ihrem Debüt „Axoloatl Roadkill“ nämlich zum Verhängnis: Für ihren Coming-of-Age-Roman hatte die zum „literarischen Wunderkind“ hochgejubelte 17-Jährige einige Passagen vom Blogger Airen übernommen, zitiert hatte sie ihn nicht. Die Tochter des Autors und Dramaturgen Carl Hegemann reagierte zunächst reumütig, später dann umso forscher – zur Gedankendiebin wollte sie sich nicht abstempeln lassen, schließlich hatte sie „das Material in einem anderen, eigenen Kontext eingebaut“. Die hitzige Plagiatsdiskussion war dennoch nicht mehr aufzuhalten – dem Erfolg von „Axoloatl Roadkill“ hat diese nicht geschadet. Der Roman wurde für den Leipziger Buchpreis nominiert, in mehrere Sprachen übersetzt und für die Bühne adaptiert.

Hegemann scheint aus dem Zitier-Zinnober gelernt zu haben: Die Quellennachweise von „Jage zwei Tiger“ sind lupenrein, fast ein bisschen streberhaft – womöglich eine ironische Replik auf die Schatten ihrer literarischen Vergangenheit. Die Wahl-Berlinerin borgt sich übrigens nach wie vor gern Gedanken aus: Der Buchtitel ist einem CD-Booklet der slowenischen Band Laibach entliehen. „Der Jäger, der zwei Hasen jagt, verfehlt beide. Wenn du schon scheitern musst, scheitere glanzvoll. Jage zwei Tiger“, heißt es da. Und: „Wer kalkuliert, ist ein Feigling.“ Das klingt mutig, das hört sich abgeklärt an – den Vorwurf der Feigheit muss sich Hegemann dann aber trotzdem gefallen lassen. Ihr Schreiben wirkt kalkuliert – sie liefert, was man sich von ihr erwartet. Und das hat jetzt gar nichts mit dem Plot zu tun, der ganz spannend gestrickt wäre: Der elfjährige Kai verliert nach einem Autounfall seine Mutter. Ein Stein, den ein paar gelangweilte Jugendliche von einer Brücke werfen, zertrümmert zuerst die Windschutzscheibe und dann Binky Schweiger, die überdrehte „Powerfrau“ und Single-Mum, die Kai zum Halbwaisen macht. Den Stein zum Werfen brachte Samantha, ein einarmiges Zirkus-Gör, in das sich Kai unsterblich verliebt. Ohne zu ahnen, dass sie es war, die seine Mutter auf dem Gewissen hat. Parallel dazu wurstelt sich die 17-jährige Cecile durch ihr verkorkstes und verkokstes Leben und landet über Umwege in den Armen von Kais Papa, der das anorektische Selbstzweifelbündel zwar nicht liebt, aber trotzdem Tisch und Bett mit ihm teilt. Und irgendwann machen sich Kai und Cecile auf die Suche nach Samantha, um der abgeklärten Erwachsenen-Welt zu zeigen, dass es doch so was wie wahre Liebe gibt.

Aber die Geschichte, die zwischen Road-Trip, Entwicklungsroman und romantisch-fantastischem Märchen pendelt und manchmal alles drei zugleich ist, dient Hegemann nur als Gerüst – eigentlich geht’s um etwas ganz anderes: Hegemann will beweisen, dass sie schreiben kann. Über alles. Und über jeden. Mit lässig-schnoddrigem Ton, in dem das Wort „Scheiße“ fast genauso oft kommt wie „schlechterdings“ und Missoni-Kleider ähnlich ausführlich analysiert werden wie Madonnas gymnastische Tanzeinlagen. Das Problem dabei: Beim Lesen geht einem Popliterat Benjamin von Stuckrad genauso durch den Kopf wie „American-Psycho“-Autor Bret Easton Ellis, Helene Hegemann vergisst man hingegen manchmal. Doch blöderweise ruft sie sich immer wieder selber ins Gedächtnis – steigt aus der Geschichte aus und lotst einen von draußen wieder in diese hinein: wie’s gern in ambitionierten Deutschaufsätzen gemacht wird.

„Hardcore, oder? Aber irgendwie auch geil“, heißt es an einer Stelle. Ein Statement, das nur für wenige Stellen des Romans gültig ist, der wie ein vielversprechender Entwurf eines guten Buches wirkt, das am Ende doch nur mittelmäßig wurde. Vielleicht hat das sogar Hegemann selbst gespürt, das Zitat der US-Rapperin Azealia Banks lässt’s vermuten: „They only want you when you’re 17, when you’re 21, you’re no fun.“ Hegemann ist kein Wunderkind mehr, sie kriegt jetzt sogar in den USA Alkohol. Sie ist erwachsen, schreibt aber wie ein trotziges, talentiertes Fräulein.

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Helene Hegemann. Jage zwei Tiger. Hanser Berlin, 320 Seiten, 19,90 Euro.


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