Vom Käse zum Wiener Wein

Der Tiroler Norbert Walter betreibt in Wien-Stammersdorf einen kleinen Heurigen. Mit Erfolg: Kürzlich wurde sein Zweigelt zum Wiener Landessieger gekürt.

Von Peter Weirather

Wien –Auch wenn Norbert Walter schon seit Jahren in Wien lebt, ist er bodenständig geblieben. Die Verbundenheit mit der Natur und dem Boden hat den einstigen Bergbauernbuben aus Galtür geprägt. Natürlich musste auch er auf dem Hof tatkräftig mithelfen. Aber er wollte mehr wissen und studierte auf der Boku (Universität für Bodenkultur) in Wien Landwirtschaft. Doch wie heißt es so schön bei Faust: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie. „Ich habe versucht, die ganze Theorie praktisch zu erleben“, schmunzelt der Paznauner und erzählt, dass er unter anderem Tabakpflücker in Kanada war. Nur wenige wissen, dass es rund um den Eriesee eines der größten Tabakanbaugebiete Nordamerikas gibt.

1992 ging er während der Sommermonate mit seinem Bruder auf eine Schweizer Alm und verarbeitete mit ihm die Milch zu Almkäse. Walter erinnert sich: „Ein Lehrer sagte uns vorher: ‚Ihr werdet sehen, dass das Wenige zur Sucht werden kann.‘ Er hatte Recht, es wurden insgesamt acht Almsommer daraus. In dieser Zeit lernte ich, mit wenig zufrieden zu sein.“ 1995 rief Walter die erste internationale Almkäseolympiade in Galtür ins Leben und legte damit den Grundstein für eine Veranstaltung, die bis heute erfolgreich ist.

Weil die Firma, für die er damals arbeitete, ihren Standort von Wien verlegte, suchte er einen neuen Job und landete im Wiener Rathaus und bald in der Politik. 2002 wurde Walter Landesgeschäftsführer der Wiener ÖVP. Noch heute ist er Gemeinderat und in Wien damit auch Landtagsabgeordneter. „Ich war immer ein politisch denkender Mensch, habe aber diesen Weg nicht angestrebt. Für mich bedeutet Politik nicht Verwaltung, sondern Gestaltung. Am Ende des Tages muss ein erkennbarer Nutzen für die Bevölkerung ersichtlich sein“, erklärt der Wahlwiener pragmatisch. Walter hält wenig von Berufspolitikern, er ist überzeugt, „dass man daneben ein zweites Standbein braucht“.

Für Käse war Wien nicht die richtige Umgebung, dafür aber für Wein. 2004 pachtete der Tiroler seinen ersten Weingarten auf dem traditionsreichen Nussberg, einer der besten Lagen in Wien. Die Trauben brachte er in den Keller von Wiens Paradewinzer Fritz Wieninger, der ihn bei der Weinproduktion bis heute tatkräftig unterstützt.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

„Ich habe gemerkt, dass mir das Spaß macht. Zwar habe ich keine Berge in Wien, aber es ist doch eine Parallele zur Käseproduktion“, erzählt Walter und zeigt mit einem verschmitzten Lächeln auf die Flaschenetiketten. Dort hat er nämlich die Bergwelt um Galtür verewigt.

Aus den bescheidenen Anfängen ist ein Weinbaubetrieb mit 4,5 Hektar geworden. An Sommertagen pilgern begeisterte Weinfans nach Stammersdorf, um dort inmitten von Rebstöcken ein Platzerl in seinem idyllischen Buschenschank zu ergattern. Das Weingut-Walter-Wien ist seit 2012 biologisch zertifiziert. „Da bin ich noch vom Käse inspiriert“, lacht Walter. Der „Wiener Gemischte Satz“ und ein Grüner Veltliner sind im Heurigen die wichtigsten Weine. Die beiden Rieslinge, einer vom Bisamberg, der andere vom Nussberg, überzeugen durch Finesse und Mineralität. Ja, und dann folgt die rote Überraschung.

Ein Zweigelt aus Wien steht bei Rotweinliebhabern nicht gerade ganz oben auf der Wunschliste. Das kann sich ändern, wenn man die beiden Vertreter von Norbert Walter verkostet hat. Der Wiener Zweigelt 2011 hat offenbar auch die Jury überzeugt, denn er erhielt kürzlich den Wiener Weinpreis. Eine schöne Kirschfrucht, reife Tannine und eine angenehme Fülle am Gaumen kennzeichnen den Siegerwein. Der Wiener Zweigelt Reserve 2011 legt noch ein Schäuferl nach. Er ist etwas dichter und hat eine tolle Struktur, wobei das Holz dezent im Hintergrund bleibt. Norbert Walter macht keinen Hehl daraus, dass er der Landwirtschaft treu bleiben will. Und welche Chancen sieht er für die Tiroler Bauern, aus der Distanz betrachtet? „Es ist wichtig, die Almen weiter zu bewirtschaften, sonst verschwinden diese Kulturlandschaften. Sie verwalden und das kann dem Tourismus nicht egal sein. Außerdem muss die Direktvermarktung intensiviert werden. Es gibt einige, die das erfolgreich praktizieren, aber viele haben da Aufholbedarf“, ist Walter überzeugt.


Kommentieren


Schlagworte