„Der Wilhelm Tell verfolgt mich schon langsam“

Franziska Peer gilt als das Nonplusultra in der Armbrust-Szene. Vergleiche mit Freiheitskämpfer Tell will sie nicht, dafür bei der Heim-EM glänzen.

Auf Tirols Armbrust-Königin Franziska Peer (r.) hält Trainer Markus Bichler große Stücke. Den Apfelschuss will er aber lieber nicht probieren.Foto: Rottensteiner
© Andreas Rottensteiner / TT

Von Benjamin Kiechl

Innsbruck –Die Armbrust und Franziska Peer, das war zu Beginn eigentlich eine Hassliebe. „Bei meinem ersten Versuch ist mir die Spannhilfe der Armbrust auf den Kopf geknallt. Das hat verdammt weh getan“, erzählt Peer von ihrem einschneidenden Erlebnis. Dieser Fauxpas brannte sich folgenreich in das Gehirn der Angerbergerin ein. Ihre Gedanken kreisen seither um das Sportgerät.

Die anfängliche Scheu vor der Armbrust nahm ihr Markus Bichler, Obmann der Schützengilde Angerberg. Und es scheint, als sei ihr das Gerät wie auf den Leib geschneidert. Die Erfolgswelle, auf der Peer dahingleitet, kann sich sehen lassen. Bereits bei ihrer ersten WM-Teilnahme 2008 überraschte sie mit Platz vier. Inzwischen hat die treffsichere Angerbergerin drei WM- und zwei EM-Titel zu Buche stehen.

Mit dem schnellen Erfolg schossen die Gratulanten wie die Schwammerl aus dem Boden. Sätze wie „Die gewinnt sowieso“ oder „Wir haben den Sekt schon für dich eingekühlt“ höre sie andauernd, sagt Peer. In Tirol wird die 26-Jährige mitunter als Retterin der ergrauten Armbrust-Zunft gefeiert. Den Ruhm, ein Armbrust-Aushängeschild zu sein, genießt sie freilich. Aber, sagt Peer, von den vielen Schulterklopfern halte sie sich lieber fern. „Du lernst die Leute kennen, wenn du schlecht schießt“, erklärt sie.

Vergleiche mit dem Schweizer Freiheitskämpfer Wilhelm Tell, der laut Sage dazu gezwungen wurde, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schießen, freuen sie nicht. „Der Wilhelm Tell verfolgt mich schon langsam“, seufzt die Kindergärtnerin. „Einmal hat mich wer gefragt, ob ich bei mir in der Gruppe nicht jemandem einen Apfel runterschießen könnte.“ Das Lächeln verschwindet aus ihrem Gesicht, sie verdreht die Augen. Das würde sie nie tun, sagt sie bestimmt. Aber sie sei sich sicher, dass sie den Apfel locker treffen würde.

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Reich werde sie mit dem Schießsport trotz Erfolgen nicht, Preisgeld gebe es keines. „Ich mache den Sport für mich“, erklärt sie. Von ihrem Gehalt als Kindergärtnerin gehe ein Gutteil für Sportgerät und Munition drauf. Eine 10-m-Armbrust kostet rund 4000 Euro, ein Bolzen zum Schießen 150 Euro. Die Chance, ins Heeresleistungszentrum aufgenommen zu werden, wurde ihr einst verwehrt – und nun sei sie ohnehin zufrieden, betont sie. Ihren Job als Kindergärtnerin aufzugeben, komme für sie nicht infrage, denn: „Ich wollte schon immer Kindergärtnerin werden. Ich betreue in Wörgl Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache.“ Und schließlich gebe es auch noch ein Leben nach dem Schießsport.

Mit ihrer Armbrust verbrachte Peer auch die meiste Zeit im Sommer. „Die Sonne scheint, es ist heiß, die Leute gehen schwimmen. Und ich stehe am Schießstand und trainiere“, erzählt sie von den Entbehrungen, die sie in Kauf nimmt. Den Lohn will sie bei der Heim-EM in Innsbruck (2. bis 8. Sept.) einstreifen. Über 10 m und 30 m liegen die Medaillen für sie quasi abholbereit – sagen zumindest die Schulterklopfer. Franziska Peer will die Antwort auf dem Schießstand geben.


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