Der Heerführer der englischen Voyeure

In „The Look of Love“ erzählt Michael Winterbottom ohne Begeisterung die Biografie des englischen Pornokönigs Paul Raymond.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Michael Winterbottom gehört eher zu den engagierten Außenpolitikern des britischen Kinos. In „Welcome to Sarajevo” inszenierte er 1997 das zynische Überlebensspiel von Kriegskorrespondenten. Diesen Erzählstil wünschte sich zehn Jahre später Angelina Jolie für ihre Produktion „A Mighty Heart”, in der sie die Witwe eines Journalisten spielte, der in Pakistan entführt und grausam ermordet worden war. In gewisser Weise erzählt Winterbottom auch in seinem neuen Film „The Look of Love“ von einer Schlacht, die in der sogenannten Nachkriegszeit geführt wurde und die Pioniere von Nacktrevuen und Männermagazinen im Kampf gegen Zensurgesetze in Milliardäre verwandelte.

Der britische Heerführer der Voyeure hieß Paul Raymond, der 1958 in Soho den ersten Nachtklub mit Nackttänzerinnen eröffnete und sich dabei der britischen Tradition der Herrenklubs und einer Gesetzeslücke bediente, die in privatem Rahmen (fast) alles erlaubte. 1971 erwarb Raymond den Magazintitel Men Only, um sich als Herausgeber von Schmuddelbildern als „Wichsvorlage” irgendwo zwischen Playboy und Hustler bequem einzurichten.

Es war die Ära von Love & Peace, die Männer trugen Pelzmäntel, die Frauen nichts. Mit den Gewinnen kaufte der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Raymond sämtliche Immobilien des Londoner Vergnügungsviertels Soho und ließ sich 1992 als reichster Mann Großbritanniens feiern. Dafür gab es keinen Orden von der Queen, auch sein Begräbnis (2008) wollte niemand sehen.

In der Maske eines alten Mannes lässt sich der britische Komiker Steve Coogan in einem Rolls Royce durch das Londoner Westend fahren, um jene Lebenskreuzung zu finden, an der er falsch abgebogen ist, denn der „Pornokönig” und Immobilientycoon ist ein unglücklicher, einsamer Mann, dessen Tragik sich mit Shakespeares „King Lear” und Orson Welles’ „Citizen Kane” messen kann, denn Raymond betrauert den Drogentod seiner Tochter.

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Die Erinnerungen Raymonds inszeniert Winterbottom mit popkulturellen Look- und Stilverweisen auf die jeweiligen Sehgewohnheiten der Epochen. Die 50er-Jahre sind noch schwarzweiß, als Raymond in Frankreich das Zauberwort „nu” aufschnappt. Das klang für Engländer wie „new” und jedenfalls unverfänglicher als „nude”, weshalb sich kein Mann schämen musste, wenn er einen Blick auf Neues warf. Am wild wuchernden Schamhaar nahmen später nicht einmal die Beatles Anstoß, die seit ihren Lehrjahren im Hamburger Star Club mit den Niederungen des Showgeschäfts vertraut waren. So entstehen auch Mythen. In den Gründerjahren erzählt Raymond noch von einem Besuch Ringo Starrs in seiner Wohnung, einige Jahre später erklärt er den Drummer bereits zum Designer. Aber im Film ist nichts von Ringo zu sehen. Vielleicht im nächsten Film über den Pornokönig. Winterbottoms „The Look of Love“ wurde von Raymonds Enkelinnen unterstützt, während sein Sohn in einem Gegenfilm die wahre Geschichte erzählen will.


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