Die Hauptschullehrerin hat die Hand am Drücker

Lehrerin, Sportschützin – für Christina Stöckl kein Widerspruch. Die Europameisterin im Bewegungsschießen über Leidenschaft und Verantwortung.

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Von Benjamin Kiechl

St. Johann in Tirol –Schneller, höher, weiter – das Motto der Olympischen Spiele gilt auch für die Einstellung von Christina Stöckl. Die Hauptschullehrerin aus St. Johann liebt die Herausforderung. „Ich bin es gewohnt, mich gegen meine Zwillingsschwester durchzusetzen“, erzählt die 28-Jährige. Und da sie schon immer ausgeflippt gewesen sei, wurde der Schießsport zu ihrer Leidenschaft. „Der Bianchi-Cup ist meine Disziplin“, erzählt die Tirolerin und strahlt bei diesen Worten über das ganze Gesicht. Während sich IPSC (International Practical Shooting Confederation), das Schießen in einem Parcours, anderswo steigender Beliebtheit erfreut, gibt es hierzulande nur eine Hand voll Schützen. Stöckl fühlt sich in der Sonderrolle wohl: „Ich bin die einzige Dame aus Österreich beim Bianchi-Cup“, sagt sie mit funkelnden Augen.

Warum es nicht das „normale“ Luftgewehr sein darf, sondern die Großkaliberpistole? „Der Bianchi-Cup ist schon so etwas wie die Königsklasse“, meint Stöckl und lächelt verschmitzt. Die Waffe ruht im Holster, die Hände sind nach oben gerichtet. Surrender-Position wird diese Stellung genannt. Plötzlich taucht die Zielscheibe auf – für genau sechs Sekunden. Ohne mit der Wimper zu zucken, zieht Stöckl ihre Pistole. „Du darfst nicht schlafen, die Abläufe müssen sitzen“, erklärt sie. Die Kombination aus statischen und dynamischen Zielen macht für die Unterländerin den Reiz aus. Sie brauche einfach den Nervenkitzel, denn ohne Anspannung bekomme sie „keinen Schuss zusammen“.

Die Plätze, um für den Bianchi-Cup zu trainieren, sind in Tirol rar. Eine Laufscheibe gibt es am Schießstand in Hopfgarten nicht. Dass sie sich dennoch binnen eineinhalb Jahren zu einer der besten Schützinnen in Europa mauserte, liege an ihrem Talent und am Trainer: Adam Lennert gewann 2012 die Seniorenwertung in den USA und holte erstmals in der Geschichte des Bianchi-Cups den Pokal nach Europa. Stöckl hält auf ihn große Stücke. „Er ist der Grund, warum ich in so kurzer Zeit dieses Leistungsniveau erreichen konnte.“

Im August trieb es Stöckl sogar auf die Spitze: Im deutschen Philippsburg krönte sie sich in der Damenklasse zur Europameisterin. Selbst gegen die Herren behauptete sie sich in der „Open Modified Klasse“ und holte Bronze. „Es war das schwierigste Match, das ich je geschossen habe. Die Konkurrenz war wahnsinnig stark. Bis zum letzten Schuss stand nicht fest, wer als Europameisterin nach Hause gehen wird. Eine irrsinnige Anspannung“, erzählt Stöckl.

Mit dem Endergebnis von 1843 Ringen blieb sie damals nur knapp unter ihrer Bestleistung. Ihr Ziel, in den „Klub der 1900er“ aufgenommen zu werden, will sie schon im November in die Tat umsetzen.

Dass Waffen in der Schule ein sensibles Thema sind, ist der Lehrerin (HS Fieberbrunn) bewusst. Gefährdungspotenzial stelle aber nicht die Waffe, sondern der Mensch dahinter dar. Amerikanische Verhältnisse will Stöckl nicht, sie plädiert für einen verantwortungsvollen Umgang: „Es macht Sinn, dass man einen Waffenschein braucht und die Pistole im Safe versperrt ist.“ Unterstützung bekommt sie von ihren Lehrer-Kollegen. „Sie finden es toll, dass ich im Sport erfolgreich bin.“ Ihren Schülern will sie mitgeben, dass man im Leben etwas erreichen kann – wenn man nur will.


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