UN-Bericht zu Syrien: “Klare“ Beweise für Einsatz von Sarin-Gas

Chemiewaffen wurden „in relativ großem Maßstab“ benutzt.

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Damaskus/New York – Es gebe „klare und überzeugende“ Beweise, dass am 21. August bei Damaskus Sarin benutzt worden sei, heißt es in dem Bericht, der im Laufe des Montags dem UN-Sicherheitsrat vorgelegt werden soll. Auf der ersten Seite des Berichts heißt es weiter, Chemiewaffen seien „in relativ großem Maßstab“ während des 30-monatigen Konflikts eingesetzt worden.

Sarin gehört zu den am meisten gefürchteten Kampfstoffen: Es ist farblos, geruchlos, geschmacklos - und kann bereits in einer Dosis von nur einem halben Milligramm zum Tod führen.

Die USA und ihre Verbündeten machen Syriens Regierung für den Giftgaseinsatz vom 21. August verantwortlich. Der Bericht der UN-Experten gilt als wichtig für die weiteren Beratungen des Sicherheitsrats. Die UN-Inspektoren, die im August in Syrien vor Ort waren, hatten allerdings kein Mandat, um der Frage nachzugehen, wer für Chemiewaffen-Angriffe die Verantwortung trägt.

Offiziell soll der Bericht erst später am Montag veröffentlicht werden. Nach US-Angaben waren bei einem Giftgaseinsatz in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus am 21. August mehr als 1400 Menschen getötet worden.

Der Inhalt der ersten Seite wurde im Voraus bekannt, weil der Bericht auf einem offiziellen UN-Foto zu sehen ist, der den Chef der Inspekteure, Ake Sellström, bei der Übergabe des Dokuments an UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zeigt.

Das Nervengas Sarin

Es ist farblos, geruchlos, geschmacklos - und kann bereits in einer Dosis von nur einem halben Milligramm zum Tod führen.

Das in der Chemie Methylfluorphosphonsäureisopropylester genannte Gift kann über Haut und Atemwege in den Körper gelangen. Es wird vor allem deshalb öfter als andere Nervenkampfstoffe angewandt, weil es leichter verdampft und besonders einfach eingeatmet werden kann. Auch verschwindet der Stoff schnell aus der Luft und kann je nach Wetterlage bereits nach rund 30 Minuten nicht mehr nachgewiesen werden.

Sarin blockiert ein Enzym, das eine wichtige Rolle bei der Signalübertragung durch Nervenzellen spielt. Symptome reichen je nach Stärke von Nasenlaufen, Sehstörungen und Muskelzuckungen über Atemnot und Krämpfe bis hin zu Erbrechen, Bewusstlosigkeit und Atemlähmung. Gegenmittel wirken nur bei sofortiger Verabreichung. Eindeutig nachgewiesen kann es nur durch Blutproben werden.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation ist Sarin 26 Mal tödlicher als Zyanid. Das Einatmen von einer hohen Dosis - beispielsweise 200 Milligramm - wirkt innerhalb von wenigen Minuten tödlich. Aber auch Überlebende einer Sarin-Vergiftung tragen häufig Langzeitschäden an Lunge, Augen und dem zentralen Nervensystem davon.

Das Gas wurde 1938 von deutschen Chemikern entdeckt. Seine Name setzt sich aus Namensteilen seiner Entdecker zusammen: Schrader, Ambros, Rüdiger und Van der Linde.

14 Giftgasangriffe in Syrien

Vom UN-Menschenrechtsrat beauftragte Experten gehen insgesamt 14 Verdachtsfällen von Chemiewaffen-Angriffen in Syrien nach. Nach derzeitigem Stand sei es allerdings unmöglich, die seit Ende 2011 verübten mutmaßlichen Angriffe der einen oder anderen Konfliktpartei zuzurechnen, sagte der Leiter einer vierköpfigen Kommission, Paulo Sergio Pinheiro, am Montag in Genf. Er begründete dies mit Schwierigkeiten, Beweise für die Attacken zu sammeln. Die syrische Regierung verweigert der Kommission bisher die Einreise.

Die Ermittler, denen auch die frühere Chefanklägerin am Internationalen Strafgerichtshof, Carla del Ponte, angehört, stützten sich daher bei ihren seit September 2011 andauernden Untersuchungen vor allem auf Zeugenaussagen und Videoaufnahmen von Chemiewaffenattacken in Syrien. Sie sprachen mit Flüchtlingen aus Syrien und mit Einheimischen am Telefon. Außerdem werteten sie Material aus, das ihnen von Militärexperten zur Verfügung gestellt wurde.

Ungeachtet der Frage der Verantwortlichkeit sei der Einsatz von C-Waffen in jedem Fall ein Kriegsverbrechen, sagte Pinheiro. In einem früheren Zwischenbericht hatte die Kommission insgesamt vier mutmaßliche Giftgasangriffe festgestellt, zwei im März und zwei April dieses Jahres.

Pinheiro äußerte sich wenige Stunden, bevor UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am Montag dem UN-Sicherheitsrat einen Bericht von vor Ort tätig gewesenen Inspektoren vorlegt. Darin geht es auch zum Chemiewaffeneinsatz am 21. August bei Damaskus. (APA/Reuters)


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