UN-Report zu Syrien: Detaillierte Beschreibung des blanken Horrors

Der am Montag veröffentlichte Bericht der UN-Chemiewaffeninspekteure beweist den Einsatz des Giftgases Sarin in Syrien, die Schuldfrage bleibt jedoch weiterhin offen. Die USA sehen sich trotzdem in ihrer Ansicht bestärkt.

Sowohl das syrische Regime als auch die Rebellen haben zuletzt Bilder von Opfern mutmaßlicher Giftgasanschläge veröffentlicht. Doch zur Frage der Verantwortung bringt auch der UN-Bericht keine Klarheit.
© REUTERS

Damaskus/New York - Sie machen nur zwei bis drei Prozent der mehr als 100.000 Toten im syrischen Bürgerkrieg aus. Doch die Zivilisten, unter ihnen viele Kinder, starben durch weltweit geächtete Chemiewaffen. Wer die Täter sind, steht leider nicht in dem lange erwarteten UN-Bericht.

Das Lächeln auf den Gesichtern von Ake Sellström und Ban Ki-moon sah etwas bemüht aus. Vielleicht lag es am Inhalt des Berichtes, den der schwedische Professor und Chemiewaffenexperte dem UN-Generalsekretär am Sonntag übergab und dessen Inhalt am Montag bekannt wurde: In Syrien wurde Giftgas eingesetzt. Das Gas ist bekannt - der Nervenkampfstoff Sarin. Die Opfer sind bekannt: Viele Zivilisten, viele Kinder. Über die Täter sagt das 38 Seiten lange Papier jedoch nichts. (zum vollständigen UN-Report [Englisch]: http://go.tt.com/1grSm75 )

Kein Wort über mögliche Täterschaft

Die Tätersuche gehörte nicht zum Mandat des Teams um Sellström, aber gerade diese Frage beschäftigt natürlich die Vereinten Nationen, beschäftigt Washington und Moskau, Paris und London, beschäftigt Peking und nicht zuletzt Damaskus. Doch Anschuldigungen in irgendeine Richtung finden sich weder in Sellströms Bericht an Ban noch in Bans Bericht an den UN-Sicherheitsrat.

Es gebe „klare und überzeugende“ Beweise, dass Sarin am 21. August östlich von Damaskus „in größeren Mengen“ eingesetzt worden sei, heißt es in dem Bericht. Das Gas sei mit Boden-Boden-Raketen verschossen worden und zu den Opfern gehörten „Zivilisten, darunter viele Kinder“.

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Sarin überall

Die Gutachter fanden das Sarin überall: In verschossenen Raketen, im Boden, an den Wunden von Patienten, im Blut, im Haar, selbst im Urin von Opfern. Auch die Befragung von mehr als 50 Opfern und Helfern habe letztlich „ausreichende Hinweise“ ergeben: Es wurde Sarin eingesetzt.

Nervengas Sarin: Geruchlos, geschmacklos und tödlich

Das Nervengas Sarin, das nach Angaben der UN-Inspekteure in Syrien eingesetzt wurde, gehört zu den am meisten gefürchteten Kampfstoffen: Es ist farblos, geruchlos, geschmacklos - und kann bereits in einer Dosis von nur einem halben Milligramm zum Tod führen.

Das in der Chemie Methylfluorphosphonsäureisopropylester genannte Gift kann über Haut und Atemwege in den Körper gelangen. Es blockiert ein Enzym, das eine wichtige Rolle bei der Signalübertragung durch Nervenzellen spielt. Symptome einer Sarin-Vergiftung reichen je nach Stärke von Sehstörungen und Muskelzuckungen über Atemnot und Krämpfe bis hin zu Erbrechen, Bewusstlosigkeit und Atemlähmung. Gegenmittel wirken nur bei sofortiger Verabreichung.

Laut Weltgesundheitsorganisation ist Sarin 26 Mal tödlicher als Zyanid. Das Einatmen einer hohen Dosis - beispielsweise 200 Milligramm - wirkt innerhalb von wenigen Minuten tödlich. Aber auch Überlebende einer Sarin-Vergiftung tragen häufig Langzeitschäden davon.

Das Gas wurde 1938 von deutschen Chemikern entwickelt. Seine Name setzt sich aus Namensteilen seiner Entdecker zusammen: Schrader, Ambros, Rüdiger und Van der Linde.

„Überlebende berichteten von typischen Symptomen“, heißt es in dem UN-Papier. „Schwere Atemnot, Desorientierung, brennende Augen, Erbrechen und Bewusstseinsverlust.“ Viele Menschen sollen ohnmächtig am Boden gelegen sein und hätten Schaum vor dem Mund gehabt, gaben Helfer zu Protokoll. Ein großer Anteil der Überlebenden wurde in den Tagen nach dem Angriff schwer krank.

Ban: „Kriegsverbrechen“

Selbst der nüchterne Wissenschafter bemerkt in seinem Schreiben, dass die Ergebnisse der auch in deutschen Labors ausgewerteten Proben ihn und seine Kollegen „mit größter Sorge“ erfüllen würde. Ban selbst sprach von einem „schweren Schock“. C-Waffen dürften nie eingesetzt werden, „von wem auch immer, unter welchen Umständen auch immer“. Dies sei eindeutig als Kriegsverbrechen zu werten.

Aber von wem? Regierung und Rebellen beschuldigen sich seit März gegenseitig, Gas einzusetzen. Die Führung in Damaskus hatte die UN-Experten angefordert - ihnen dann aber fünf Monate lang die Einreise verweigert. Als sie dann doch kommen durften, wurden sie auf Schritt und Tritt überwacht und durften sich nicht frei bewegen. Immerhin: Syrien hat den Beitritt zur Chemiewaffenkonvention beantragt - nach Drohungen aus Washington und Druck aus Moskau.

Für Westen steht Schuldfrage fest

Für den Westen steht fest, dass anhand der vorliegenden Beweise ohnehin nur Einheiten des Regimes für den Giftgasangriff vom 21. August infrage kommen. „Die technischen Daten machen deutlich, dass nur das Regime in der Lage ist, Angriffe dieser Größenordnung auszuführen“, sagte die amerikanische UN-Botschafterin Samantha Power am Montag in New York.

„Und wir wissen ja, dass das Regime Sarin besitzt. Sie haben sich vorbereitet und Gasmasken ausgegeben. Sie haben Testraketen abgefeuert. Die Gesetze der Logik lassen nur den Schluss zu, dass das Regime hinter den Angriffen steht.“

Ruf nach Internationalem Strafgerichtshof

Weil in dem Bericht die Schuldigen nicht genannt werden, steht der Sicherheitsrat nach Ansicht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch unter Druck. Das mächtigste UN-Organ müsse Syrien an den Internationalen Strafgerichtshof überweisen, „damit die Hintermänner zur Verantwortung gezogen werden können“. Vor allem müsse aber ein Signal her: „Für die Opfer des Giftgasangriffs, aber auch für die Zehntausenden, die durch ganz gewöhnliche Waffen gestorben sind.“ (tt.com, APA/dpa)


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