Die Erinnerung als Kraftquelle

Die großen internationalen Erfolge der Austria Wien sind Vergangenheit. Aber das Glück ist, was es seit jeher war – ein Vogerl, das heute (20.45 Uhr) dem Außenseiter aus Favoriten gegen Porto zufliegen wird müssen.

Von Hubert Winklbauer

Innsbruck –Lang, lang ist’s her: Die Austria Wien hat schon einmal gewonnen, was heute Champions League heißt. Damals hieß der wichtigste europäische Bewerb Mitropacup. 1933 hat die Austria im Finale Inter Mailand dank der drei Treffer von Matthias Sindelar 3:1 (Hinspiel im San Siro 1:2) besiegt, 1935 wurde Sparta Prag in Prag mit 1:0 besiegt, Camillo „Karli“ Jerusalem war der Torschütze. Als Legionär wurde er 1947 Meister in Frankreich mit dem CO Roubaix-Tourcoing sowie 1950 in der Schweiz mit Servette Genf. Aber das reichte dem Camillo „Karli“ längst nicht, um ins Jahrhundert-Team der Austria gewählt zu werden: Friedl Koncilia; Robert Sara, Karl Stotz, Erich Obermayer; Walter Nausch, Herbert Prohaska, Ernst Ocwirk, Ernst Stojaspal; Horst Nemec, Matthias Sindelar und Toni Polster sind die Auserwählten.

Womöglich ist Ernst Ocwirk, der 1953 und 1955 zum Kapitän der Weltauswahl wurde, Sinnbild der auch international großen Vergangenheit der Austrianer. Ocwirk verließ 1956 die Wiener Austria, um als erster österreichischer Fußballprofi nach Italien zu Sampdoria Genua zu wechseln. Und damit ist der Bogen zu Herbert „Schneckerl“ Prohaska gespannt, der 1980 zu Inter Mailand gewechselt war, um dort den Cupsieg zu holen. 1983 war er Teil der Meistermannschaft des AS Roma.

Aber über allen Austria-Ikonen thronte Matthias Sindelar. Die International Federation of Football History & Statistics hat in ihrer Liste der 100 besten Fußballer des 20. Jahrhunderts Sindelar auf Rang 22. Rang platziert. Er war Kapitän des legendären österreichischen Wunderteams, das von 1931 bis 1933 Deutschland 6:0, Schottland 5:0, Ungarn 8:2, Schweiz 8:1, Belgien 6:1 und Frankreich 4:0 besiegt hat. Sindelars Karriere endete mit dem Einmarsch der Nazis am 12. März 1938, sein Tod am 23. Jänner 1939 gibt noch immer Rätsel auf.

Die Austria, die nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich ob der jüdischen Herkunft vieler Vorstandsmitglieder und ihrer „undeutschen“ Spielweise massiven Repressalien ausgesetzt war, musste lange auf internationale Erfolge warten.

Der Einzug ins Europacupfinale der Cupsieger am 3. Mai 1978 war so einer: Die Austria unterlag Anderlecht im Prinzenpark-Stadion in Paris aber mit 0:4.

Dass mit Julio César Morales damals ein Spieler in den Reihen der Austria stand, der knapp vor seiner Verpflichtung mit dem Club Nacional de Football aus Montevideo zweimal den Weltpokal gewonnen hatte, ist Beweis für die damalige Attraktivität der Austrianer.

1910 gegründet, ist die Austria Wien seit 1911 erstklassig. Austria galt lange Jahre als Repräsentant der fragilen technikbetonten Körperlosigkeit, der Eleganz, der Launenhaftigkeit. Die Fußballkunst ist schön, aber fragil. Und so ist die Austria in der ewigen Bestenliste des österreichischen Fußballs „nur“ die Nr. 2 hinter Rapid. Die Hochkultur des Kickens ist den „Praterveilchen“ in den Jahren verloren gegangen. Und den jüngsten der 24 Titelgewinne verdankt der Klub aus Favoriten schon so genannten Grundtugenden. Trainer Peter Stöger hatte 2012/13 eine bis ins kleinste Detail funktionierende, zwischen Kunst und Kampf ausbalancierte Truppe geformt.

Nur so war es möglich, die individuell stärkeren Roten Bullen aus Salzburg zu überflügeln. Wenn die Austria heute gegen den zweifachen Weltpokal- (1988, 2004) und zweifachen Champions-League-Sieger (1987 in Wien mit 2:1 über den FC Bayern, 2004) und 27fachen portugiesischen Meister antritt, dann vergleichsweise als eine Truppe von Nobodys: Sie ist eine eingespielte Truppe, die nur reüssieren kann, wenn alle an ihre Grenzen gehen. Gelingt dies, sind auch international punktuelle Erfolge möglich. Gelingt dies nicht, sind auch nationale Schlappen möglich. So wie das 1:5 in Salzburg gegen Red Bull zum Saisonauftakt und das 2:3 zuletzt gegen Aufsteiger Grödig.

Heute ertönt im Happel-Stadion die Champions-League-Hymne, 2005 hatte der große Konkurrent Rapid Wien alle seine sechs Gruppenspiele in der Königsklasse verloren. Die Austria ist auch heute gegen den FC Porto großer Außenseiter. Ohne Glück wird nichts gehen. Aber so war es auch vor ziemlich genau 30 Jahren, als eine für ewig unvergessene Sternstunde gelang. Dank eines 0:0 in Wien und eines 1:1 im Camp Nou (Tor Steinkogler) schaltete die Austria aufgrund der Auswärtstorregel im Viertelfinale des Europapokals der Pokalsieger den großen FC Barcelona aus. Real Madrid war dann zu stark.


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