Jede Geschichte hat ihren eigenen Ton

Beim Innsbrucker „Stadtlesen“ stellt Christoph W. Bauer heute sein neues Buch vor. Davor bat die TT den Schriftsteller zum Gespräch.

In „Die zweite Fremde“ beschäftige­n Sie sich mit dem Schicksal von zehn während der NS-Zeit aus Öster­reich vertriebenen Juden und kurz darauf haben Sie mit „In einer Bar unter dem Meer“ eine Erzählsammlung vorgelegt. Verlangen so unter­schiedliche Themen auch verschiedene Arbeitsweisen?

Christoph W. Bauer: Es sind ganz verschiedene Formen des Schreibens. In „Die zweite Fremde“ bin ich ganz nah an den Porträtierten, lasse sie viel zu Wort kommen. Es ist dokumentarisches Schreiben, für mich sind diese Texte Reportagen, in ganz knapper Sprache und nah am Menschen.

Im Gegensatz dazu erlauben Sie sich in Ihrem neuen Buch Ausflüge in die Gattung der Fantastik und der Groteske. War das auch eine Gegenbewegung zum Ernst Ihrer historischen Arbeiten?

Bauer: Auf jeden Fall. Es war eine Befreiung. Die Schublade ist ja gleich offen – und man setzt sich selbst rein. Deshalb spielt das neue Buch ganz im Jetzt. Die Erzählungen sind an keinen Ort gebunden. Und das ermöglichte es mir, mich auch künstlerisch mit Sprache zu beschäftigen. Während ich mich in „Die zweite Fremde“ aus naheliegenden Gründen dem Thema verpflichtet fühlt­e, mich gewissermaßen zurücknehmen musste. Es wäre mir nicht richtig erschienen, wenn ich mich da selbst eingebracht hätte. In den neuen Erzählungen konnte ich mir wieder erlauben, verschiedene Ton­arten anzuspielen.

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Wie sind diese neuen Erzählungen entstanden? Gab es bestimmte Begebenheiten, die Sie inspiriert haben?

Bauer: Es gibt im Band einen Text mit durchaus programmatischem Charakter. In „Figuren“ geht eine dieser Figuren in eine Bar und schnappt noch vor der Tür einen Satz auf, den sie weiterspinnt. In der Bar hört der Mann einen weiteren Satz und entwickelt seine Erzählung dadurch weiter. Ganz ähnlich ist es bei mir auch: Ich schnappe irgendetwas auf und daraus kann dann ein Text werden. In „In einer Bar unter dem Meer“ versuche ich, in einer Erzählung mehrere Geschichten zu erzählen. Vordergründig geht es um einen Mann, der zwanghaft versucht abzunehmen, und dahinter geht es um das Finale eines erbärmlichen Stücks der Zeitgeschichte: um das Begräbnis des ehemaligen Tiroler Gauleiters Hofer.

Und damit kommt – gewissermaßen durch die Hintertür – wieder die Geschichte in den Text.

Bauer: In diesem Fall schon. Ursprünglich wollte ich genau diese Erzählung machen. Und habe mich auf die Suche nach dem richtigen Ton für diese Geschicht­e gemacht. Dann kam die andere Geschichte dazu.

Es gibt mehrere rote Fäden, die Ihre Erzählungen verbinde­n. Es gibt ähnliche Motive, Figuren, die mehrfach auftauchen. War das von Anfang an geplant?

Bauer: Ich habe mir schon vorgenommen, dass die Erzählungen sowohl für sich stehen als auch im Zusammenhang eines Buches funktionieren. Gewisse Beziehungen haben sich aber erst während des Schreibens ergeben. Plötzlich war da eine Figur da, die mich interessierte, und aus der Nebenfigur wurde der Protagonist einer weiteren Erzählung.

In der Literaturbranche werden Erzählungen zumeist mit Missachtung gestraft. Wenn man Bücher verkaufen will, muss man Romane schreiben, heißt es.

Bauer: Allein diese Missachtung reizt ja schon, ist Anreiz dafür, es trotzdem zu mache­n. Warum sollte man sich irgend­welchen Diktaten unterwerfen? Außerdem bin ich der Meinung, dass sich Erzählungen besser eignen, um einzelne Figuren darzustellen. Ich bin kein Autor, der tiefen­psychologisch arbeitet: Ein Mann betritt den Raum und ist da. Da wird nicht lang herumerzählt, was er davor gemacht hat, woher er kommt.

Mit „In einer Bar unter dem Meer“ revoltieren aber nicht nur Sie gegen die vermeintlichen Zwänge des Marktes, sondern Sie lassen auch Ihre Figuren immer wieder den Aufstand proben.

Bauer: Wie manche meiner Figuren versuche auch ich, mit Erwartungshaltungen zu brechen. Viele hätten nach „Die zweite Fremde“ weitere Bücher über die Innsbrucker Stadtgeschichte erwartet. Aber genau das wollte ich nicht. Für diese wichtige Aufgabe gibt es geeignetere Autoren als mich.

Gibt es Vorbilder, an denen Sie sich während des Schreibens orientieren?

Bauer: Sicherlich ist mein Schreiben immer auch ein Versuch des Zwiegesprächs mit Vorbildern. Vor allem in der Lyrik, aber auch wenn ich, wie jetzt, Erzählungen schreibe. Nehmen wir den argentinischen Autor Jorge Luis Borges zum Beispiel, für mich einer der wichtigsten Einflüsse überhaupt. Auch in Fragen der Form: Bei Borges ist kein Wort zu viel und alles, was da ist, ist von Bedeutung. Daran habe ich mich fraglos orientiert. Deshalb verzichte ich auf atmosphärischen Schilderunge­n. Wenn im Text ein Aschenbecher vorkommt, dann nicht nur, um zu illustrieren, dass die Szene in einer Raucherkneipe spielt.

Das Gespräch führte Joachim Leitner


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