Ein Wochenende im Waldviertel mit Metaphern

Nina Proll stellt heute im Innsbrucker Leokino mit Katharina Mückstein deren bermerkenswertes Kinodebüt „Talea“ vor.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Die 14-jährige Jasmin (Sophie Stockinger) lebt bei einer Pflegefamilie, die für das Mädchen ein eigenes Zimmer aber keine Zuneigung übrig hat. Warum sich die Familie, die offensichtlich auf das Pflegegeld verzichten kann, zur Aufnahme des Mädchens entschlossen hat, ist nicht zu erfahren. Jasmin sucht daher die Nähe zu ihrer Mutter Eva (Nina Proll), die die vergangenen Jahre im Gefängnis verbracht hat. Eva arbeitet als Helferin in einer Gärtnerei und fühlt sich durch die Besuche ihrer Tochter belästigt, während ihre Bewährungshelferin eine Kontaktaufnahme als günstige Entwicklung zur Resozialisierung betrachtet. Als die Auseinandersetzungen mit der Pflegefamilie für Jasmin ein unerträgliches Maß erreichen, ergreift sie auf ihrem Fahrrad die Flucht, um mit der fremden Mutter ein Wochenende im Waldviertel verbingen zu können.

Katharina Mückstein studierte an der Wiener Filmakademie bei Michael Haneke, dessen Einfluss bei ihrem erstaunlichen Kinodebüt „Talea” jedoch kaum zu spüren ist, sieht man einmal von der Methode ab, eine Geschichte über Geheimnisse, Auslassungen und ohne Erklärungen zu erzählen, um den Betrachter zur fantasievollen Mitarbeit zu zwingen. Dennoch ist der Film ganz und gar mit dem heimischen Filmschaffen der vergangenen Jahre verbunden. Mücksteins „Talea” ist näher bei „Atmen” von Karl Markovics, der für sein Resozialisierungsdrama die Metapher des Schwimmers verwendete – nur eben umgekehrt. In „Talea” ist Jasmin die Nichtschwimmerin, weil Mütter für die Erlernung fundamentaler Lebenstechniken zuständig sind. Dieses „du bist schuld, dass ich nicht schwimmen kann” ist dann auch der am aggressivsten geäußerte Vorwurf.

Zur österreichischen Kinotradition gehört auch die Katharsis in der Natur. Auf dem Land betrauert Eva ihr verpfuschtes Leben, nach einer kurzen Affäre mit dem Zimmervermieter (Philipp Hochmair) sprießt (vielleicht) so etwas wie eine Mutter-Tochter-Beziehung. Das ist die zweite Lebensmetapher.„Talea” kommt aus der Pflanzenkunde und bedeutet Setzling. Am Ende jätet Eva einen Farn, Jasmin kann sich der Schwimmprüfung stellen. Von Katharina Mückstein ist in der Zukunft einiges zu erwarten.

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