Der Philosoph unter den Boxern

Entschlossen, philosophisch und entspannt gibt sich Schwergewicht-Weltmeister Wladimir Klitschko im Stanglwirt (Going) vor seinem WM-Kampf in Moskau.

Daniel Suckert

Going –Sein Blick schweift langsam durch die mit Journalisten gefüllte Bibliothek des Stanglwirt, hinaus beim Glasfenster auf die angezuckerten Tiroler Berge. Emotionslos sitzt der beste Boxer der Gegenwart in einem großen, roten Sessel. Nicht verträumt, auch nicht gelangweilt. Einfach nur versunken in seiner Gedankenwelt. „Wladimir“, unterbricht ein Reporter seinen Moment der Stille. Der Box-Champ reagiert blitzschnell, fokussiert den deutschen Journalisten und nickt: „Ich bin bereit.“ Und untermauert seine Worte mit plötzlich angriffslustiger Miene.

In knapp zwei Wochen wird der 37-Jährige in Moskau in den Ring steigen. Sein Herausforderer heißt Alex Powetkin (RUS), 34 Jahre alt und der nächste Herausforderer, der Klitschko seine vier WM-Gürtel (IBF, WBO, WBA und IBO) streitig machen will. Aus der Fassung bringt das den jüngeren der Klitschko-Brüder nicht mehr. Selbstbewusst diktiert der Ukrainer: „Wir werden die Noten im Ring spielen, die wir uns im Training notiert haben. Es gibt keine Überraschung.“

Wladimir Klitschko ist das absolute Gegenteil von dem, was in der Boxwelt gang und gäbe ist. Er klopft keine Sprüche, Eigenschaften eines Showman sind ihm genauso fremd wie das Wort Überheblichkeit. Dazu hat er schon zu viel erleben müssen. „Ich kenne beide Seiten der Medaille, ich weiß, was es heißt, jeden Stein umdrehen zu müssen“, philosophiert der Riese mit sanfter Stimme.

Es war vor zehn Jahren, da stand ihm der damals 37-jährige Corrie Sanders gegenüber. „Fallobst“, wie es im Boxsport heißt. Ein Gegner, der einem Champ nicht wehtun kann. „Damals haben mir alle vermittelt, wie leicht es werden wird. Ich dachte mir, den hau’ ich in der ersten Runde nieder, danach fliege ich in den Urlaub.“ Es kam ganz anders. In der zweiten Runde ging Klitschko k. o. Der Beginn einer kurzen Krise.

Zehn Jahre später steht Klitschko ganz oben. Einsam, unerreicht, trotz jahrelangem Höhenflug niemals die Bodenhaftung verlierend: „Jeder Kampf ist der schwerste. Denn ich weiß, was im Ring alles passieren kann.“ Reflektiert findet er tagtäglich eine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Klitschko: „Ich kann vieles, aber das Boxen kann ich am besten.“

Darum sitzt er wieder hier, im Stanglwirt in Tirol. „Zum wahrscheinlich 1000. Mal. Und trotzdem gibt es nichts Schöneres, etwas immer weiter zu perfektionieren, was man kann.“ Fast erfurchtsvoll fügt er hinzu: „Ich kann boxen. Aber noch nicht auswendig. Ich befinde mich noch in der Entwicklungsphase.“ Und so paradox es klingen mag, dass ein vierfacher Weltmeister sich selbst noch in der Entwicklungsphase sieht, man glaubt es dem Ukrainer. Es ist seine Authentizität, die ihn von der Konkurrenz abhebt.

Doch wie lange noch? Die biologische Uhr tickt. Auf diese Frage hat Klitschko (noch) keine Antwort. „Vielleicht sehen wir uns in zehn Jahren wieder hier. Wer weiß, was kommt?“ Nur Manager Bernd Bönte weiß: „Ja, aber dann komm’ ich nur mehr mit dem Stock bei der Tür herein.“


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