Wie aus einem Maurer ein Nageldesigner wurde

Der querschnittgelähmte Alexander Wechselberger hängte seine Zukunft nicht an den Nagel – er machte Nägel zu seiner Zukunft.

Von Angela Dähling

Aschau i. Z. –Er kommt aus einem klassischen Männer-Beruf und macht jetzt einen typischen Frauen-Job. Alexander Wechselberger war Maurer. Bis zu jenem schicksalhaften Oktobertag im Jahr 2000. Seit heuer hat er ein eigenes Nagelstudio und macht aus den Fingernägeln seiner durchwegs weiblichen Kundschaft kleine Kunstwerke. Dazwischen lagen ein schwerer Autounfall, ein Reha-Aufenthalt und eine Karriere im Behindertensport.

Aber der Reihe nach: Es war der Abend des 22. Oktober 2000, der das Leben des damals 21-jährigen Zillertalers für immer nachhaltig verändern sollte. Damals war er seit einem Jahr als Polier beschäftigt, hatte sich nach der Arbeit bei einem Fußballspiel verausgabt und wollte nach dem anschließenden Essen noch schnell zu einem Kollegen nach Mayrhofen fahren – zu schnell und nicht angegurtet. In Schwendau überschlug sich sein Wagen mehrfach und blieb auf dem Dach liegen. In der Innsbrucker Klinik dann die Diagnose: „Herr Wechselberger, sie werden nie wieder gehen können“, sagte ein Arzt. „Da fiel meine Mutter in Ohnmacht und ab da konnte ich mich bis nach der OP an nichts mehr erinnern“, erzählt der Zillertaler im Gespräch mit der TT.

Der zweite und dritte Lendenwirbel wurden versteift, ab der Mitte der Oberschenkel ist der heute 34-Jährige gelähmt. Gleich nach der OP sei ihm klar geworden, dass es nichts nutze, mit dem Schicksal zu hadern und aufzugeben. In der Reha in Bad Häring eröffneten sich ihm neue Perspektiven. Der sportliche junge Mann schloss sich dem RSC Tirol an und spielte im Rollstuhl Basketball. Dann startete er eine Karriere als Go-Kart-Fahrer und schließlich nahm er 2006 im österreichischen Nationalteam bei den Para­olympics teil – als Skifahrer. „Nici, meine damalige Freundin, die ich einen Monat vor dem Unfall kennen gelernt hatte, hat mich zum Sport motiviert“, erzählt er. Inzwischen ist Andrea die Frau an seiner Seite. Sie heiratete er 2009 und für die Beziehung mit ihr hängte er 2008 den Sport, für den er so viel unterwegs sein musste, an den Nagel.

Und weil im Gebäude seiner Schwiegereltern im Gewerbepark Aschau ein Lokal frei wurde, wagte Alexander Wechselberger 2009 den Schritt in die Selbstständigkeit. Er eröffnete ein Sonnenstudio und vermietete einen Teil des Geschäftes an eine Nageldesignerin weiter. Ihr schaute er oft interessiert beim Arbeiten zu. „Dann zeigte sie mir, wie das geht, und es hat mir total gut gefallen“, erinnert sich Wechselberger zurück.

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Dass er dann beim Nageldesignerkurs der einzige Mann war, störte ihn nicht. Als Praktikant seiner Mieterin sammelte er weitere Erfahrungen und auch via Internet bildete er sich weiter. Was das Maurerhandwerk und Nageldesign gemeinsam haben? „Die Kreativität. Schon als Maurer war das genaue Arbeiten mir wichtig, z. B. beim Mauern von Rundbögen oder Mustern“, erzählt er. Jetzt malt er mit feinsten Pinseln Grafiken, Blumen und Schmetterlinge auf die Acrylnägel seiner Kundinnen. Denn seit Januar betreibt Alexander Wechselberger das Nagelstudio neben dem Sonnenstudio nun selbst. „Er setzt meine Wünsche zu 100 Prozent um“, erklärt eine Stammkundin. Dass der Job viel Zeit für Gepräche lässt, nennt Wechselberger als positiven Nebeneffekt. Wie erfolgreich der Rollstuhl fahrende Nageldesigner ist, zeigt ein Blick in seinen Terminkalender: Bis Mitte Oktober ist er bereits ausgebucht.


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